Das Lipödem
Die Erkrankung Lipödem ist eine schmerzhafte Fettverteilungsstörung, die fast ausschließlich Frauen betrifft. Bei einem Lipödem lagern sich Fettzellen vermehrt an den Extremitäten ab.
Die Fettansammlungen können an den Beinen, am Po, der Hüfte oder auch an den Armen liegen. Dort ist das Gewebe besonders druck- und schmerzempfindlich. Im Gegensatz zu den Beschwerden ist die Fettanlagerung an sich sport- und diätresistent. Aktuelle Erkenntnisse zu Ursachen, Symptomen, Diagnose und Therapie für das Lipödem erfahren Sie hier.

Definition und Wortherkunft Lipödem
Bei einem Lipödem (griech. Lip = Fett) handelt es sich um eine schmerzhafte Erkrankung des Fettgewebes. Es ist eine disproportionale (nicht verhältnismäßige), symmetrische Fettverteilungsstörung, die fast ausschließlich bei Frauen vorkommt. Sie betrifft nur die Extremitäten.
Nachdem in der Vergangenheit dabei von einer Flüssigkeitsansammlung im Gewebe ausgegangen wurde, wurde die Erkrankung als Ödem bezeichnet. Nach neuesten Erkenntnissen liegt beim reinen Lipödem keine Schwellung durch angesammelte Gewebeflüssigkeit vor.

Gestörte Fettverteilung
Die Disproportionalität – also die ungleiche Verteilung – beim Lipödem tritt immer symmetrisch an beiden Beinen bzw. beiden Armen auf. Rumpf, Kopf und Hals sind nicht betroffen. Die Fettvermehrung kann sich gleichmäßig über die Ober- und Unterschenkel (sog. „Säulenbein”) bzw. die Ober- oder auch Unterarme verteilen oder nur die Ober- oder Unterschenkel betreffen. Ein Lipödem, das sich über Oberschenkel- und Hüftbereich erstreckt, wird auch als „Reiterhosenphänomen“ bezeichnet. Die Füße und Hände sind beim reinen Lipödem nie betroffen. Daher entsteht typischerweise ein Kalibersprung – also eine Art Stufe – zur angrenzenden gesunden Region – die sog. „Muff-” oder „Kragenbildung“. Große Fettwülste an Knie, Oberschenkel oder Oberarm werden als „Wammen“ bezeichnet.
Schweregrad: Schmerzen vs. Erscheinungsbild
Das äußere Erscheinungsbild der Extremitäten hängt nicht mit der Stärke der subjektiven Beschwerden zusammen. Das heißt, dass ausgeprägte Fettvermehrungen unter Umständen weniger schmerzhaft sein können als relativ schlanke Extremitäten. Daher gilt die bis 2023 gebräuchliche Stadien-Einteilung heute lediglich für die Unterscheidung der Erscheinungsbilder – also der Morphologie. Die Ausprägung hat nur beschreibenden Charakter. Eine Stadieneinteilung für die Beschwerden gibt es bis dato nicht.

Optische Unterscheidung der Ausprägung des Lipödems
Ursachen für ein Lipödem
An einem Lipödem erkranken fast ausschließlich Frauen. Daher sind zwei wesentliche Faktoren möglich, nämlich eine X-chromosomale Störung oder eine spezifisch weibliche hormonelle Störung. Auslöser der chronischen Erkrankung sind meist Hormonumstellungen im Körper, wie sie während der Pubertät, in oder nach einer Schwangerschaft oder den Wechseljahren auftreten. Besteht die Krankheit bereits, kann es in diesen Phasen wieder zu einer Verschlechterung der Symptome, also einem Schub kommen. Eine erbliche Anlage für ein Lipödem scheint wahrscheinlich. So erkranken oft mehrere weibliche Generationen einer Familie. Die genauen Ursachen für ein Lipödem sind wissenschaftlich noch nicht endgültig geklärt.
Der Anteil von Lipödem-Patientinnen in der Bevölkerung ist nicht bekannt. In Studien wird meist von 5 bis 11 % aller Frauen ausgegangen. Die Krankheit kann schleichend kommen. Die Symptome werden oft nicht klar als solche identifiziert und lange ertragen. Außerdem führt die rein klinische Vorgehensweise bei der Diagnosestellung manchmal zu Unsicherheiten. Aus diesen Gründen werden viele Lipödeme nicht erkannt.
Symptome beim Lipödem
Die Symptome des Lipödems können recht plötzlich auftreten oder sich schleichend über Monate und Jahre verstärken. Die entscheidenden subjektiven Symptome eines Lipödems sind Druck-, Berührungs- und Spontanschmerz sowie Schweregefühl. Beim Druckschmerz empfindet die Patientin bereits bei leichtem Druck Schmerzen. Berührungsschmerz bedeutet, dass schon eine Berührung schmerzhaft ist. Spontanschmerzen sind plötzlich und ohne Grund im Gewebe zu spüren. Hinzukommt die teils offensichtliche Disproportionalität des Körpers mit zum Teil deutlichen Fettwulsten.
An den folgenden Punkten können Sie erkennen, ob Sie möglicherweise ein Lipödem haben.


Innerlich spürbare Symptome
Innerlich spürbare Symptome
Zusätzlich zu den sichtbaren Anzeichen gibt es Symptome, an denen man ein Lipödem spüren kann. Diese können sich nach langem Sitzen, Stehen, Laufen bzw. im Laufe des Tages oder auch durch Wärme noch verstärken:
- Extreme Berührungsempfindlichkeit des Gewebes
- Druckschmerzhaftigkeit
- Stechende Spontanschmerzen
- Schweregefühl in Beinen bzw. Armen
Nicht alle diese subjektiven Beschwerden „müssen“ bei jeder Lipödem-Patientin auftreten. Wenn Sie eines oder mehrere Anzeichen bei sich entdecken, sollten Sie eine Fachärztin oder einen Facharzt aufsuchen. Geeignete Fachrichtungen sind hier Lymphologie und Phlebologie. Eine frühzeitige Diagnose ist wichtig, um einen optimalen Therapieverlauf zu gewährleisten und eine Beschwerdelinderung zu erzielen.

Äußerlich sichtbare Symptome
Äußerlich sichtbare Symptome
Es gibt Anzeichen, an denen man ein Lipödem äußerlich bereits sehr gut erkennen kann:
- Beide Beine oder auch Arme sind überproportional stark ausgeprägt, Füße und Hände sind schlank und nicht vom Lipödem betroffen.
- Der Körper sieht aus wie falsch zusammengesetzt, der Oberkörper ist verhältnismäßig schlank, Beine, teils Po, Hüfte oder auch Arme sind aber deutlich voluminöser.
- Konfektionsgrößen für Ober- und Unterkörper unterscheiden sich extrem voneinander.
- Sport, gesunde Ernährung und Diäten zeigen an den betroffenen Stellen wenig Erfolg, der Umfang wird nicht oder nur unwesentlich geringer.
Diagnose des Lipödems
Bis die Diagnose Lipödem gestellt wird, dauert es leider oft sehr lang, teilweise Jahrzehnte. In vielen Fällen wird das Lipödem fälschlicherweise mit anderen Erkrankungen wie Adipositas, Lymphödem oder Lipohypertrophie, einer schmerzlosen Fettverteilungsstörung, verwechselt.
Die Diagnose Lipödem wird klinisch gestellt. Das bedeutet, dass die Patientin ohne den Einsatz bildgebender Untersuchungsmethoden untersucht wird. Die Ärztin oder der Arzt nutzt die eigenen Sinne. Inspektion und Palpation, also Betrachten und Abtasten, sind für die Diagnose Lipödem besonders wichtig. Für eine aussagekräftige Anamnese wird eine systematische Befragung der Patientin durchgeführt. Dabei werden Informationen zum subjektiven Empfinden der Beschwerden und der familiären Vorgeschichte erhoben.
Es gibt keine messbaren Parameter, die ein Lipödem nachweisen. Um andere Krankheiten auszuschließen, können verschiedene apparative Untersuchungsmethoden angewendet werden – wie z. B. die Ultraschalldiagnostik zum Ausschluss eines Ödems. Laborparameter können ebenfalls für Differentialdiagnosen genutzt werden, sind aber ebenso ungeeignet, das Lipödem zu beweisen.
Zur Erstdokumentation und Verlaufskontrolle werden die biometrischen Werte Körpergewicht, Körpergröße sowie der Umfang von Taille und Hüfte gemessen. Der Body-Mass-Index (BMI) ist beim Lipödem kein geeigneter Wert, weil dabei die krankhafte Fettgewebsvermehrung überschätzt wird. Das Verhältnis von Bauchumfang und Körpergröße (Waist-to-Height-Ratio) ist aussagekräftiger. Weitere Messungen an den betroffenen Extremitäten sollten zur Therapieplanung und Verlaufskontrolle ergänzt werden. Um die Disproportionalität zu beschreiben, kann der Lipohypertrophie-Quotient nach Herpertz* verwendet werden, der auch vom Adipositasgrad abhängig ist.
*LipQ = Umfang an der stärksten Stelle des Oberschenkels in cm / Körpergröße in cm
32-35 % = gering; 36-40 % = mäßig; 41-45 % = stark; 46-51 % = massiv; >52 % = gigantisch
Therapie beim Lipödem
Nach einer gesicherten Diagnose sind therapeutische Maßnahmen möglich und nötig, um die Beschwerden zu reduzieren. Dabei stellt die Ärztin oder der Arzt einen individuell auf die Patientin und ihre Beschwerden abgestimmten “Therapie-Mix” zusammen. Dazu kann die Medizinerin oder der Mediziner aus verschiedenen Maßnahmen, ähnlich wie in einem Baukasten-System, die geeigneten wählen und dosieren.
Modulare Lipödem-Therapie
Schmerzreduktion
Therapie
Therapie
Gewichtsmanagement
patientenindividuell nach ärztlichem Behandlungsplan kombinierbar
Schmerzreduktion
Schmerzreduktion
Da es sich bei einem Lipödem um eine chronische Erkrankung handelt, wird sie Betroffene ihr ganzes Leben lang begleiten. Alles, was die persönlichen Schmerzen lindert, kann und sollte in die Therapie eingebaut werden. Schmerzreduktion ist das zentrale Ziel aller Maßnahmen. Wenn ein Baustein der Behandlung keine Linderung zeigt, kann dieser weggelassen werden.
Selbstmanagement
Selbstmanagement
Die Ausmaße und möglichen Folgen des Lipödems können durch konsequente Therapie positiv beeinflusst und Beschwerden gelindert werden. Es ist wichtig, sich selbst und die Erkrankung zu akzeptieren und Behandlungsmöglichkeiten so frühzeitig wie möglich und auch dauerhaft wahrzunehmen und so zur „Managerin“ für die Erkrankung, die passende Therapie und natürlich für sich selbst zu werden.
Kompressionstherapie
Kompressionstherapie
Als einer der wichtigsten Bausteine für die Schmerzreduktion beim Lipödem gilt die Kompressionstherapie. Sie gehört zur Standardbehandlung. Die Empfehlung der S2k-Leitlinie zum Lipödem ist: „Bei diagnostiziertem Lipödem soll die Kompressionstherapie zur Schmerzreduktion an den betroffenen Extremitäten eingesetzt werden.“
Wirkweise: Medizinische Kompressionsstrümpfe (MKS) und Kompressionsverbände (KV) bestehen aus elastischen Materialien. So wird ein kontinuierlicher definierter Druck auf das Gewebe ausgeübt. Dieser ständige Druck kann die subjektiven Beschwerden lindern. Wichtig für alle Betroffenen ist, dass die Kompression nicht zur Reduktion des krankhaften Fettgewebes selbst geeignet ist.
Kompressionsprodukte
Am Anfang der Kompressionstherapie kann zwischen medizinischen Kompressionsstrümpfen (MKS), Kompressionsverbänden (KV) und Medizinischen adaptiven Kompressionssystemen (MAK) gewählt werden. Für die Langzeitbehandlung werden hauptsächlich maßgefertigte medizinische Kompressionsstrümpfe in Flachstrick eingesetzt. Diese Strickart bedeutet, dass zunächst ein flaches Gestrickstück Reihe für Reihe gefertigt wird. Die dreidimensionale Form erhält das flache Gestrick erst beim Zusammennähen. So kann eine individuelle Versorgung für jede einzelne Patientin produziert werden. Meist werden Lipödem-Patientinnen mit Flachstrick-Strümpfen, -Strumpfhosen, -Leggins, -Ärmeln, -Boleros oder mehrteiligen Kompressionsversorgungen versorgt. Welches Material gewählt wird und ob eine einteilige oder mehrteilige Versorgung geeignet ist, sollte in enger Absprache von Patientin und Ärztin bzw. Arzt, Therapeutin bzw. Therapeutin sowie Fachhandel erfolgen. So können die Einhaltung der gemeinsam gesetzten Therapieziele und die Wirksamkeit verbessert werden. Flachgestrickte medizinische Kompressionsstrümpfe haben in der Regel eine höhere Stiffness und Biegesteifigkeit als rundgestrickte medizinische Kompressionsstrümpfe. Die Biegesteifigkeit überbrückt tiefere Gewebefalten besser, ohne durch „Hineinrutschen“ zu Abschnürungen zu führen. Dies ist besonders wichtig für die Versorgung von ausgeprägten Lipödemen mit großen Umfängen sowie bei begleitender Adipositas.
Nach ärztlichem Befund ist in Fällen mit lediglich gering ausgeprägten Beschwerden und bei relativ schlanken Extremitäten ohne oder mit geringer Umfangsvermehrung auch eine Versorgung in Rundstrick möglich.
Bei der Auswahl und der Verordnung der Kompressionsmaterialien sind die Kompressionsklasse und das Material individuell zu bestimmen und an den klinischen Befund, die Beschwerden und mögliche Veränderungen anzupassen. Denn die Wirkung der Versorgung hängt sowohl vom Druck als auch von den Materialeigenschaften ab.
Wichtig bei der sachgemäßen Durchführung der Kompressionstherapie ist eine regelmäßige Hautpflege.
Mehr Informationen zu den Strickarten finden Sie in unserem Beitrag "Die Unterschiede: Rund- und Flachstrick".
Für den täglichen Gebrauch und auf lange Sicht ist die maßgefertigte Flachstrick-Versorgung mit Juzo Expert und Juzo Expert Strong zu empfehlen. Unter Umständen können auch sogenannte MAK (Medizinische adaptive Kompressionssysteme) eingesetzt werden, die individuell und stufenlos eingestellt werden können.
Ernährung und Gewichtsmanagement
Ernährung und Gewichtsmanagement
Bei einem Lipödem bringen Diäten oder Fastenkuren nicht den gewünschten Erfolg, denn eine Fettreduzierung tritt dadurch an den vom Lipödem betroffenen Stellen nicht ein. Lipödem-Patientinnen können aber das „gesunde“ Fett abnehmen. Die krankhaften Zellen bleiben. So kann der Rumpf bei einer Gewichtsreduktion erschlanken, die betroffenen Extremitäten bleiben in Relation recht voluminös. Trotzdem sollte generell auf eine gesunde Ernährung und einen aktiven Lebensstil geachtet werden, um eine Gewichtszunahme oder womöglich eine Adipositas zu vermeiden. Denn Übergewicht beeinflusst das Lipödem negativ. Wenn Lipödem-Patientinnen auf ihre Ernährung und ihr Gewicht achten, können sie ihre Mobilität und Funktionalität erhalten oder wiedererlangen und möglicherweise ein Fortschreiten der Krankheit verhindern. Prinzipiell sind kurzfristige Diäten nicht zu empfehlen, sondern stattdessen eine dauerhafte Umstellung der Essgewohnheiten. Eine mediterrane Ernährung ist bei Lipödem genauso zu empfehlen wie die ketogene.
Psychosoziale Therapie
Psychosoziale Therapie
Lipödem-Betroffene leiden signifikant häufiger an physischen, emotionalen und sozialen Beeinträchtigungen verglichen mit Frauen ohne Lipödem. In der Diagnostik Lipödem-assoziierter Schmerzen sind auch die psychosozialen Faktoren zu berücksichtigen. Denn psychische Störungen können die Symptome und Lebensqualität von Lipödem-Patientinnen beeinflussen und sollten für die Diagnostik und Therapie beachtet werden. Die Ursachen für eine psychische Belastung können im äußerlichen Erscheinungsbild und im chronischen Schmerz liegen. Ein interdisziplinärer Ansatz ist hier ratsam, um Depressionen, Angstzustände, Essstörungen etc. zu therapieren.
Physiotherapie
Physiotherapie
Manuelle Lymphdrainage
Neben der Kompressionstherapie wird ein Lipödem meist mit Manueller Lymphdrainage (MLD) behandelt. Dies scheint widersprüchlich, da es beim reinen Lipödem ja keinen Lymphstau gibt, der drainiert werden muss. Doch die manuelle Lymphdrainage zielt in diesem Fall nicht auf eine Volumenreduktion, sondern auf die Modulation der C- Fasern ab, die für die Schmerzwahrnehmung verantwortlich sind. Schmerztoleranz und -schwelle können mit der MLD erhöht werden. In Kombination mit weiteren Therapietechniken kann die MLD zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen.
IPK
Als Ergänzung zu medizinischen Kompressionsstrümpfen und zur manuellen Lymphdrainage kann die Intermittierende pneumatische Kompression (IPK) angewendet werden – z. B. mittels Lymphomat. Eine luftgefüllte Manschette mit mehreren Kammern übt Druck auf die zu behandelnde Körperregion aus. Dieser wird in definierbaren Intervallen erzeugt und ist regulierbar. Er baut sich zunächst in der am weitesten vom Herzen entfernten Kammer auf. Danach folgt immer die nächste Kammer. Beim reinen Lipödem kann die IPK zur Schmerzlinderung – auch als Heimtherapie – eingesetzt werden.
Sport
Bewegung in Kompression kann physischen und psychischen Beschwerden reduzieren. Training mit geringer Belastung, Dehnübungen und moderates Krafttraining sind geeignet. Aquasport kann nicht nur einen positiven Einfluss auf die Lipödem-Schmerzen haben, sondern auch auf Begleiterkrankungen wie Adipositas, Lymphödem oder Gelenkverschleiß.
Vibrationsplatte
Der Einsatz einer Vibrationsplatte kann die Druckschmerzschwelle erhöhen.
Medikamentöse Therapie bleibt meist wirkungslos
Medikamentöse Therapie bleibt meist wirkungslos
Eine Heilung von Lipödemen durch Medikamente ist nicht möglich. Diuretika sollen nicht zur Behandlung des Lipödems eingesetzt werden. Am Anfang der Therapie oder bei besonderer Verschlechterung der Beschwerden kann eine medikamentöse Schmerztherapie zwar in Betracht gezogen werden, allerdings bleibt diese beim Lipödem meist ohne Wirkung.
Operative Methode: Liposuktion
Operative Methode: Liposuktion
Für einige Patientinnen kann auch ein operativer Eingriff in Frage kommen. Eine Liposuktion – also eine Fettabsaugung – reduziert das betroffene Unterhautfettgewebe nachhaltig. Sie kann die Schmerzen auf lange Sicht reduzieren oder sogar ganz beseitigen, ist aber keine Heilung und ein erheblicher und schmerzhafter Eingriff, bei dem die kompletten vom Lipödem betroffenen Areale operiert werden. Daher muss von Fall zu Fall individuell entschieden werden, ob der konservative Therapieweg gewählt wird oder eine Operation und eventuelle unerwünschte Nebenwirkungen wie die Vernarbung des Gewebes zumutbar und sinnvoll sind.
Die folgenden Aspekte sind vor einem operativen Eingriff bei Lipödem zu berücksichtigen:
- Dokumentierte Schmerzen ohne Besserung trotz konservativer Therapie
- Vorliegende Komplikationen wie z. B. Mobilitätseinschränkungen, Folgeerkrankungen der Haut oder Gelenke
- Idealerweise Waist-Height-Ratio (WHtR) < 0,55
- Vorrangige Behandlung einer vorliegenden Adipositas
- Entstauung möglicher anderer Ödeme vor der Operation
- Idealerweise erst ab einem Alter von 18 Jahren
Eine Indikationsstellung zur Liposuktion orientiert sich nicht mehr an der herkömmlichen Stadieneinteilung, da es keinen Zusammenhang zwischen der Schwere der Symptomatik und den bisherigen Stadien gibt.
Durchführung der Liposuktion
Ob ein Lipödem ambulant oder stationär operiert wird, hängt meist von der Ausprägung der Erkrankung, eventuellen Begleiterkrankungen und der Sedierung ab. Die Absaugung sollte mit einer gewebe- und lymphgefäßschonenden Technik durchgeführt werden. Dabei kommen die vibrations- (PAL) und wasserstrahl-assistierten (WAL) Systeme in Tumeszenz-Lokalanästhesie oder Allgemeinanästhesie zum Einsatz. In 1 bis 4 Sitzungen beider Beine bzw. 1 bis 2 Sitzungen beider Arme werden pro Operation maximal 10 % des Körpergewichts abgesaugt (Aspirationsvolumen).
Nach der Liposuktion
Direkt nach der Absaugung sollte eine komplexe physikalische Entstauungstherapie (KPE) durchgeführt werden. Abhängig von der Beschwerdesymptomatik werden die Patientinnen weiter konservativ behandelt. Im Fokus stehen dann Mobilität, Gewichtsstabilität und Stressregulation.
Sollte eine Liposuktion in Frage kommen, ist es unbedingt nötig, sich bei einem oder mehreren Fachärztinnen bzw. -ärzten über die möglichen Erfolge, Risiken und Nebenwirkungen, Kosten und Langzeitergebnisse dieser Methode aufklären zu lassen. In den wenigsten Fällen übernehmen die Krankenkassen die Kosten für eine Liposuktion. Die Kosten für die konservative Therapie mit Kompressionsbekleidung werden dagegen in den meisten Fällen übernommen.
Stationäre Rehabilitation (Reha)
Stationäre Rehabilitation (Reha)
Beim Lipödem ist auch eine stationäre Rehabilitation möglich. Sie wird in Fachkliniken für Lymphologie durchgeführt und bietet betroffenen Patientinnen eine intensive und umfassende Behandlungsmöglichkeit. Dabei steht die ganzheitliche Betrachtung des Krankheitsbildes im Fokus, um individuell auf die Bedürfnisse der Patientinnen eingehen zu können. Die Reha umfasst neben physiotherapeutischen Maßnahmen und Kompressionstherapie auch Ernährungsberatung und psychologische Unterstützung. Ziel ist es, die Beschwerden zu lindern, das Selbstmanagement zu fördern und die Lebensqualität der Patientinnen zu steigern. Der Austausch und die gemeinsamen Therapieeinheiten mit anderen Betroffenen helfen dabei. Die stationäre Reha kann dazu beitragen, dass die Patientinnen langfristig im Alltag besser mit ihrem Lipödem umgehen können.
Welche Begleit- und Folgeerkrankungen sind typisch?
Bei Begleiterkrankungen und Komplikationen sollten Lipödem-Patientinnen bei Bedarf auch Fachpersonal aus Ernährungswissenschaften, Lymphologie, Orthopädie, Dermatologie und Phlebologie zu Rate ziehen.
Adipositas
Adipositas
Das Lipödem wird nicht durch eine Adipositas bedingt oder umgekehrt. Ca. 80 % der Lipödem-Betroffenen sind allerdings adipös. Diese begleitende Adipositas ist jedoch proportional, betrifft also auch den Rumpf.
Adipositas-assoziiertes Lymphödem
Adipositas-assoziiertes Lymphödem
Besonders in fortgeschrittenen Stadien des Lipödems kommt es häufig zu einem Adipositas-assoziierten Lymphödem. Hier tritt eine Lymphabflussstörung aufgrund der extremen Einengung der Lymphgefäße durch stark wucherndes Fettgewebe. Die Lymphe kann nicht mehr ausreichend abfließen und staut sich im Gewebe. Das Adipositas-assoziierte Lymphödem entwickelt sich, anders als z. B. ein angeborenes Lymphödem, meist symmetrisch.
Orthopädische Folgeschädigungen
Orthopädische Folgeschädigungen
Aufgrund von Volumenvermehrungen an den Innenschenkeln kann es zu erheblichen Beeinträchtigungen der Beweglichkeit und des Gangbildes kommen. Fehlstellungen im Bereich der Sprung-, Knie- und Hüftgelenke können hier die Folge sein.
Hautprobleme
Hautprobleme
Durch die Umfangsvermehrung an Beinen und Armen ist ein ständiges Reiben der Haut möglich. Entzündungen sind die Folge. In den durch Fettwülste verursachten Hautfalten kann es zu Feuchtigkeit und Scheuern sowie Infektionen mit Bakterien oder Pilzen kommen. Eine regelmäßige Hautpflege ist für Lipödem-Betroffene daher sehr wichtig.
Schädigung des Venensystems
Schädigung des Venensystems
Das Venensystem kann durch ein bestehendes Lipödem Schaden nehmen. Durch frühzeitiges Erkennen einer Venenfehlfunktion können oberflächliche Krampfadern und eine Schädigung des tiefen Venensystems vermieden bzw. bereits bestehende Venenleiden ebenfalls behandelt werden.
Informationen zu möglichen Venenerkrankungen finden Sie auf unserer Venenleiden-Seite.
Abgrenzung Lipödem zu Lipohypertrophie, Lymphödem und Adipositas
Wer eine symmetrische Fettverteilungsstörung an Beinen oder auch Armen hat, die schmerzlos ist, leidet nicht an einem Lipödem. Diese Erkrankung heißt Lipohypertrophie und bedarf in der Regel keiner Therapie. Allerdings kann daraus mit der Zeit ein Lipödem entstehen. Auch beim Lymphödem und der Adipositas kann es Parallelen zum Lipödem geben. Wie die Indikationen zu unterscheiden sind, zeigt diese Übersicht:
| Lipödem | Lipohypertrophie | Adipositas | Lymphödem | |
|---|---|---|---|---|
| Fettvermehrung | +++ | +++ | +++ | (+) |
| Disproportion der Extremitäten zum Stamm | +++ | +++ | (+) | + |
| Ödem | Ø | Ø | (+) | +++ |
| Druckschmerzen | +++ | Ø | Ø | Ø |
| Symmetrie | + | + | + | Ø |