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8. Bochumer Lymphtag

Lymphologie und Chirurgie – Fluch oder Segen?

26.01.2019 - Bochum


Unter dem Titel „ Lymphologie und Chirurgie – Fluch oder Segen?“ stand der 8. Bochumer Lymphtag, der auch diesmal von der Akademie für medizinische Fortbildung der Ärztekammer Westfalen-Lippe gemeinsam mit der Firma Juzo in Zusammenarbeit mit der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie des St. Josef Hospitals und dem Venenzentrum der Dermatologischen und Gefäßchirurgischen Kliniken, Klinikum der Ruhr-Universität Bochum unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. med. Markus Stücker, leitender Arzt Interdisziplinäres Venenzentrum am Klinikum der Ruhr-Universität Bochum, durchgeführt wurde. Die Initiatoren freuten sich über nahezu 400 interessierte Besucher aus Ärzteschaft, Therapie und med. Fachhandel. 

Nach wie vor ist die Komplexe Physikalische Entstauungstherapie (KPE) Leitlinien-gerechter Standard zur Behandlung von Lymph- und Lipödemen. Darüber hinaus haben sich seit vielen Jahren auch multiple operative Therapien etabliert, so z. B. die Transplantation von Lymphknoten und Lymphgefäßen oder verschiedene Anastomosen-Techniken der Gefäße, die sich ebenfalls in den Leitlinien finden.

Im Rahmen des 8. Bochumer Lymphtages erwarteten die Gäste hochkarätige Vorträge zum aktuellsten Stand in der lymphologischen Chirurgie und zu Reduktionsplastiken. Ein weiterer Fokus lag auf potenziell Ödem-auslösenden Operationen und die ggfs. notwendige adäquate Ödem-Behandlung.

Aktuelle gesundheitspolitische Perspektiven zur KPE, neue Erkenntnisse über den Einfluss des Lifestyle auf Ödeme sowie innovative Aspekte bei der Patientenedukation zur Ödem- Früherkennung rundeten die Veranstaltung ab.

Therapie des Lymphödems - früher und heute

Wir seien Zeitzeugen einer radikalen Veränderung der diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten beim Lymphödem, so Prim. Dr. med. Christian Ure von der Lymphklinik Wolfsberg / Österreich. In seinem Vortrag „Therapie des Lymphödems - früher und heute“ gab er zunächst einen historischen Rückblick auf die Entwicklung der Lymphologie von der Entdeckung der Lymphgefäße 1652 bis zu den „Vätern“ der heute als Goldstandard der Lymphödembehandlung geltenden  Komplexen Physikalischen Entstauungstherapie, Emil Vodder, Johannes Asdonk und Michael Földi. Zusätzlich zur KPE würden in der AWMF-Leitlinie auch chirurgische Verfahren beschrieben. Zu unterscheiden seien rekonstruktive (z.B. Lymphgefäßtransplantationen), deviierende (z.B. Lympho-venöse Anastomosen) und resezierende Verfahren, wie z.B. Liposuktion oder Reduktionsplastk. Eine große Hilfestellung für Diagnose und Therapie stelle das neue NIRF-Verfahren (Near Infrared Fluorescence) dar, bei dem der Farbstoff Indocvyaningrün unter die Haut injiziert wird. Dies ermögliche die Visualisierung der Lymphgefäße, die Bestimmung des Schweregrades und auch die Verfolgung des Lymphabflusses zur  Anpassung der Therapie.

Reduktionssplastiken bei Adipositas per magna und chronischem Genital-Ödem

Postbaratrische Operationen waren Thema von Dr. med. Ziad Kalash, Freiburg. Deren Ziel sei es, die funktionellen, ästhetischen und psychologischen Einschränkungen durch die Hautüberschüsse nach einer starken Gewichtsabnahme  zu reduzieren. Idealerweise sollten dabei in einem Schritt möglichst viele Adipositas-Merkmale korrigiert werden, das Erzielen unauffälliger Narben im Focus stehen und die Anzahl der Folgeeingriffe möglichst gering gehalten werden.

Die besten ästhetischen Ergebnisse seien bei einem BMI von 25 – 30 kg/m2 zu erzielen. Das Gewicht des Patienten sollte mindestens 6 Monate vor der Operation konstant gewesen sein. Anhand einer Vielzahl von Patientenfällen zeigte Dr. Kalash verschiedene Operationsformen von der Fettschürzenresektion, klassischer Abdominoplastik, Bodylift, Beltlipektomie, Oberschenkel- und Oberarmstraffung oder Mastopexie. Generell könne durch die postbariatrische Chirurgie wieder ein nahezu normales Erscheinungsbild erreicht werden. Die Patientenzufriedenheit sei sehr  hoch. Die Entstehung von multiplen Narben werde von dieser Personengruppe sehr gut toleriert.

Liposuction bei Lipohyperplasia dolorosa (Lipödem) an Armen und Beinen – State of the art dieser Therapieoption

Es bestehe kein Zweifel daran, so Prof. Hon. Dr. med. Manuel E. Cornely, Düsseldorf, dass bei Lipohyperplasia dolorosa (Lipödem) eine lebenslange Progredienz ausschließlich für den Aspekt der Druckschmerzhaftigkeit bestündet.  Die Entwicklung des Fettmantels an Armen und Beinen sei genetisch determiniert, ihre vermeintliche Progredienz entspräche dem Verlauf des subjektiven Lebens der Patientinnen. Die komplexe physikalische Entstauungstherapie (KPE) führte bei korrekter Anwendung zur Verbesserung der Druckschmerzhaftigkeit. Der Effekt der manuellen Lymphdrainage würde durch die Kompression prolongiert und konserviert.  Dieses Verfahren müsse jedoch, um den Erfolg zu haben, lebenslang angewendet werden, denn durch KPE würden keine strukturellen Veränderungen des Lipödems erzielt.

Eine Alternative sei das Verfahren der „Lymphologischen Liposculptur“, in dem das Fettgewebe an Armen und Beinen in Form einer systematischen Amputation entfernt würde. Diese lymphprotektive Vibrationsaspirations-Exhairese führte in der Regel bei Lipohyperplasia dolorosa zum Ergebnis der vollständigen Beschwerdefreiheit. 

Dies gelänge aber nur dann, wenn das lipohyperplastische Extremitätenfett voll umfänglich entfernt werde, Teilentfernungen seien ineffizient und unwirksam.

Varizen-OP und Ödeme

Prof. Dr. med. Markus Stücker, Bochum, beleuchtete in seinem Vortrag die Zusammenhänge von Varizen und Ödemen. Während Besenreiser und retikuläre Varizen nie und Seitenastvarizen selten Ödeme nach sich zögen, könnten bei Insuffizienzen der Stammvenen, insbesondere der Vena saphena magna kräftige Beinödeme auftreten, die auch zu einer Verschlechterung eines Lymphödems führen könnten. Messe man mittels Indocyanin-Fluoreszenz-Lymphographie den lymphatischen Abfluss, verlängere sich die Zeit, welche die Lymphflüssigkeit vom Knöchel bis zum Unterschenkel benötigte, mit zunehmendem Schweregrad der chronischen Veneninsuffizienz. Die Therapie einer relevanten Varikose könne ein Ödem bessern oder sogar heilen. Für die Therapie der Varikose sei die Kenntnis der Lagebeziehungen insbesondere zwischen der Vena saphena magna und den Lymphkollektoren von Bedeutung.

Führte man bei Patienten mit einer Stammveneninsuffizienz der Vena saphena magna eine Crossektomie und Saphenektomie durch, verbessere sich die sogenannte Transitzeit deutlich, entsprechend einer Beschleunigung des lymphatischen Abstroms.  Aufgrund dieser Zusammenhänge erscheine es sinnvoll, mit geeigneten Mitteln auch bei Patienten mit Lymphödem eine relevante Varikose zu behandeln. 

Wie ist der Stand in der chirurgischen Therapie des Lymphödems?

Aktuelle Operationsmethoden wie Zervikale Lymphknoten TX, Lymphgefäßtransplantationen und Lymphovenöse Shunts stellte PD Dr. med. Gunther Felmerer, Göttingen, in seinem Vortrag zum aktuellen Stand der chirurgischen Therapie des Lymphödems vor. Bei der Entnahme von Lymph-Gewebe sei darauf zu achten, dass im Entnahmegebiet kein zusätzliches Lymphödem entstehe. Die Cervical-Region sei hier ein ideales Spendergebiet. Mikrochirurgische Techniken könnten mittlerweile mit Hilfe eines OP-Roboters ausgeführt werden. Dies ermögliche die minimal-invasive Lappen- und Transplantatentnahme beispielsweise aus dem lymphknotenreichen Bauchraum. Die OP-Zeit lasse sich dadurch signifikant verkürzen und die Auswirkungen auf den Patienten minimieren. 

Bedeutung des Ödems aus der Sicht der Narbentherapie

Die Bedeutung des Ödems aus Sicht der Narbentherapie thematisierte Prof. Dr. med. Peter L. Stollwerck, Düsseldorf. Nach Verletzungen, Tumoroperationen und plastisch-chirurgischer Rekonstruktionen sowie bei chronischen Wunden fänden sich häufig Kombinationen aus ödembedingter Schwellung und äußerer als auch innerer Narbenformation. Die Ödembildung wirke sich negativ auf die immunologischen Regelabläufe der Wundheilungsphasen aus. Die klinische Beobachtung zeige, dass eine narbentherapeutische Behandlung in Kombination mit Kompressionstherapie sowohl eine positive Wirkung auf eine verbesserte Narbenreifung als auch auf die Dauer und Ausprägung des Gewebsödemes habe. Es lasse sich beispielsweise vermuten, dass eine ödembedingte, erhöhte Spannung auf das Narbengewebe zu einer Hypertrophie und Verbreiterung der Narbe führt. Offensichtlich habe die Reduktion oder Elimination des Gewebsödems auf immunologischer Ebene positive Auswirkungen auf die Wund- und Narbenheilung. Dies sei u.a. auf die Reduktion der inflammatorischen Prozesse zurückzuführen. Multimodale Therapieregime zeigen bei Ödemen als auch Narben gute klinische Erfolge. 

Quo vadis KPE?

„Quo vadis KPE“ - diese Frage stellte Thomas Künzel, Aschaffenburg. Standardtherapie bei Lymphödemen sei die Komplexe Physikalische Entstauungstherapie. Die isolierte Anwendung der Einzelkomponenten (Manuelle Lymphdrainage, Kompressionstherapie, Hautpflege, entstauungsfördernde Sport-/Bewegungstherapie sowie die Aufklärung und Schulung zur individuellen Selbsttherapie) sei nicht empfehlenswert, der KPE in ihrer Gesamtheit sei der Vorzug zu geben. Die Frequenz und Intensität der Komponenten in Phase I und II sollten vom klinischen Befund und vom Stadium des Lymphödems bestimmt sein und an klinische Veränderungen angepasst werden. Für den Therapeuten sei eine klare Diagnostik nach ICD-10 wichtig. Herr Künzel betonte die Wichtigkeit einer gemeinsamen Sprache aller an der Therapie Beteiligten und sprach sich für die Gründung interprofessioneller lokaler Lymphnetzwerke in der ambulanten Therapie aus.

Einfluss von Ernährungs- und Lebensstilveränderung bei Ödemerkrankungen

Den Einfluss von Ernährungs- und Lebensstilveränderungen bei Ödemerkrankungen untersuchte Frau Dr. med. Gabriele Faerber, Hamburg. In der Praxis träten immer mehr schwerst adipöse Patienten mit Lymphödemen auf. Insgesamt seien weniger als 30 % aller Lymphödempatienten normalgewichtig. Das Adipositas-assoziierte Lymphödem stelle inzwischen den größten Anteil  unter den sekundären Lymphödemen. Die Adipositas bewirke aber bei allen Lymphödemen eine signifikante Verschlechterung der Lymphgefäßfunktion, auch bei einem vorbestehenden primären Lymphödem und bei sekundären Lymphödemen.  Der Anteil der adipösen  Lipödempatientinnen liege bei deutlich über 50 Prozent, die bei ihnen im Verlauf zu beobachtenden sekundären Lymphödeme seien in der Regel Folge der Adipositas, nicht des Lipödems. 

Auch wenn mechanische Faktoren wie das Gewicht des abdominalen Fetts und der Fettschürze, die zunehmende Immobilität und damit das Versagen der Lymphmotorik eine Rolle spielten, käme den metabolischen Folgen der Adipositas die entscheidende Rolle zu. Der fatale Teufelskreis aus Adipositas, Insulinresistenz und Inflammation müsse durch Veränderungen von Lebensstil und Ernährung durchbrochen werden.  

Patientenschulung nach onkologischen Eingriffen

Ziel der Primärprävention beim sekundären Lymphödem sei die Entstehung der Erkrankung durch den Einsatz entsprechender Präventivmaßnahmen zu verhindern.  Die Zielgruppen seien laut Prim. Dr. med. Christian Ure, Wolfsberg, Patienten mit Lymphödemrisiko bzw. Patienten im Latenzstadium des Lymphödems, beispielsweise onkologische Patienten nach Interventionen, die das Lymphgefäßsystem beeinflussen können. Als Primärprävention solle die Manuelle Lymphdrainagetherapie möglichst in den ersten Tagen nach einer Intervention (z.B. Lymphadenektomie) angewendet werden. Eine Studie mit Therapiebeginn 5 Wochen post-OP zeigte dagegen keinen Effekt. Für den zusätzlichen Einsatz von Kompression, KPE oder AIK (Apperative intermittierende Kompression) bestehe keine Evidenz.

Eine zentrale Rolle in der Primärprävention spiele die Aufklärung und Schulung betroffener Patienten über die Art der Erkrankung Lymphödem, über Frühsymptome und geeignete Verhaltensmaßnahmen und über eine entsprechende Lebensführung (5. Säule der KPE) .
Ziel sei es, die Eigenverantwortung der Patienten zu stärken: Verhalten, das die Menge an lymphpflichtigen Lasten erhöht und/oder die Transportkapazität des Lymphdrainagesystems weiter einschränkt, solle langfristig und konsequent vermieden werden. 

Der wissenschaftliche Leiter Prof. Dr. med. Markus Stücker und die Veranstalter,  Firma Juzo mit der Akademie für medizinische Fortbildung der Ärztekammer Westfalen-Lippe,  freuten sich über die sehr gute Resonanz auf dieses Symposiums. Die Vorbereitungen für den 9. Bochumer Lymphtag sind bereits in Gange. Dieser wird am 25.01.2020 stattfinden.

Referenten

Prof. Hon. Dr. med. Manuel E. Cornely

Facharzt für Dermatologie und Venerologie, Lymphologie
Kaiserswerther Strasse 296
40474 Düsseldorf

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Dr. med. Gabriele Faerber

Fachärztin für Allgemeinmedizin, Phlebologie, Lymphologie, Ernährungsmedizin
Zentrum für Gefäßmedizin
Paul-Dessau-Str. 3e
22761 Hamburg

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PD Dr. med. Gunther Felmerer

Leitender Arzt
Schwerpunkt Plastische und Ästhetische Chirurgie
Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Plastische Chirurgie
Universitätsmedizin Göttingen
Robert-Koch-Str. 40
37075 Göttingen

Dr. med. Ziad Kalash

Oberarzt, Sektionsleiter Plastische Chirurgie der Brust
Universitätsklinikum Freiburg
Klinik für Plastische und Handchirurgie
Hugstetter Straße 55
79106 Freiburg

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Dr. med. Michaela Knestele

Chefärztin Wundzentrum Allgäu
Kliniken Ostallgäu-Kaufbeuren
Dr.-Gutermann-Straße 2
87600 Kaufbeuren

Thomas Künzel

Physiotherapeut, Therapiekreisel Kompetenzzentrum für Physiotherapie GmbH
Mühlstr. 94 a
63741 Aschaffenburg-Damm

Prof. Dr. med. Peter L. Stollwerck

Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie, Notfallmedizin
Fliedner Fachhochschule Düsseldorf, Studiengangsleitung
Medizinische Assistenz – Chirurgie (B.Sc.)
Alte Landstraße 179
40489 Düsseldorf

Klinikum Gütersloh gGmbH
Sektion Plastische, Ästhetische und Handchirurgie
Reckenberger Strasse 19, 33332 Gütersloh

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Prof. Dr. med. Markus Stücker

Ltd. Arzt Interdisziplinäres Venenzentrum, Geschäftsführender Direktor der Klink für Dermatologie, Venerologie und Allergologie
St. Josef Hospital, Klinikum der Ruhr-Universität Bochum
Hiltroper Landwehr 11-13
44805 Bochum

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Prim. Dr. med. Christian Ure

Facharzt für Innere Medizin
Abteilungsvorstand
Lymphklinik Wolfsberg im LKH Wolfsberg
Paul-Hackhofer-Str. 9
9400 Wolfsberg / Österreich

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Rückblick 2019 - Impressionen vom 8. Bochumer Lymphtag

In unseren Impressionen haben wir eine Auswahl an Bildern der Veranstaltung für Sie bereitgestellt. Weitere Bilder des 8. Bochumer Lymphtages finden Sie in unserer Bildergalerie online unter www.galerie.juzo.com. Das Passwort erhalten Sie von unserer Symposium-Ansprechpartnerin Dace Zanker