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2. Thüringer Lymphologie Symposium

Faszination Lymphologie:
Eine interdisziplinäre und interprofessionelle Betrachtung

28.09.2019 - Erfurt

Die Lymphologie umfasst ein großes interdisziplinäres und interprofessionelles Feld, von der Früherkennung über die Diagnostik bis hin zur Therapie – so die wissenschaftliche Leiterin Frau Dr. med. Barbara Netopil, Königstein im Taunus, in ihrer Begrüßungsansprache. Diese Bereiche sollten im Rahmen des 2. Thüringer Lymphologie Symposiums aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden.

 

Die rund 350 Gäste aus Ärzteschaft, Therapie und medizinischem Fachhandel erwarteten 13 hochkarätige Vorträge sowie praktische Demonstrationen. Dabei war auch viel Raum für individuelle Fragen und Diskussionen.

 

Ab wann beginnt bei ausgeprägten phlebologischen Erkrankungen die lymphatische Komponente? Dieser Frage widmete sich Frau Dr. med. Kira Süßmuth, Münster. Häufigste Ursache eines Lymphödems in der westlichen Welt sei die CVI. Der Flüssigkeitsrückstau durch die CVI überfordere das Lymphsystem und führe zu sekundärem Lymphstau. Prinzipiell gelte: Je ausgeprägter eine CVI, desto größer sei die Gefahr eines zusätzlichen Lymphödems. Aber auch bei geringgradiger CVI könne eine Lymphödemkomponente auftreten. Zusätzliche Systemerkrankungen wie Herzinsuffizienz oder Nephropathie stellten weitere Riskofaktoren dar. Auch bei jedem operativen Eingriff an den Venen sei die Entstehung oder das Aggravieren eines Lymphsystems eine mögliche Nebenwirkung. Jedes Lymphödem bei CVI müsse therapiert werden, um Folgeschäden und Komplikationen (z.B. Infektionen) zu vermeiden. Mittel der Wahl sei hier die Komplexe Physikalische Entstauungstherapie (KPE) mit MLD und Kompression.

 

Die wechselseitige Beziehung von Ödemen und Wunden beleuchtete Prof. Dr. med. Knut Kröger, Essen. Lymphödeme und Lipödeme machten primär keine Wunden. Risikofaktoren seien jedoch Komorbiditäten wie Mazeration durch Lymphaustritt / Lymphfisteln, Druckläsionen, Dekubitus oder Abszesse nach Bagatellverletzungen. Andererseits sei die Bildung eines Ödems bei vielen Wunden am Bein eine Reaktion des Körpers. Ödeme seien aufgrund der Störung der Mikrozirkulation grundsätzlich wundheilungshemmend. Daher profitiere jede Wunde von einer Ödemtherapie mit MLD und Kompression. Unter sorgfältiger klinischer Beobachtung und Indikationsstellung gebe es nur wenige Kontraindikationen gegen eine KPE. Auch bzgl. der Kontraindikation pAVK würden sich die Grenzen verschieben.

 

Diagnostik, Therapie und Komorbiditäten des primären Lymphödems waren Themen von Frau Dr. med. Annett Reißhauer, Charité Berlin. Primäre Lymphödeme machten nur ein Prozent aller Lymphödeme aus. Dabei sei das Verhältnis Frauen – Männer 9:1. Unterschieden werden könnten primäre Lymphödeme in hereditäre Formen, spontane Mutationen und im Rahmen von Syndromen. Eingeteilt würden sie in drei Stadien: Reversibles Stadium 1, spontan irreversibles Stadium 2 und Stadium 3 mit lymphostatischen Komplikationen. Selten wären sie bereits bei Geburt vorhanden, sondern träten zu 85% vor dem 35. Lebensjahr auf. Sie seien meist einseitig, distal betont und asymmetrisch. Indiz für das Vorliegen zumindest einer Lymphödemkomponente sei ein positives Stemmersches Zeichen. Neben der klinischen Untersuchung erfolge die Diagnostik auch über Umfangs- und Volumenmessungen, Doppler-Duplex-Untersuchungen der Venen sowie der Lymphszintigraphie. Die Therapie des Lymphödems erfolge rein physikalisch  im Rahmen der KPE mit Manueller Lymphdrainage und Kompressionstherapie. Als therapiefördernd hätten sich additiv Wassergymnastik oder auch Tiefenoszillation bewährt. Wichtig sei vor allem das interdisziplinäre und multiprofessionelle Herangehen von Ärzten, Therapeuten, Pflege und medizinischem Fachhandel.

 

Verschiedene schwierige Krankheits- und Therapieverläufe bei Komorbiditäten wie extremer Adipositas, Diabetes,  Mammakarzinom oder Herzinsuffizienz dokumentierte Dr. med. Achim Richter, Bad Tabarz in seinen Fallvorstellungen aus der Lymphologie. Er betonte dabei die Wichtigkeit sozialmedizinischer Aspekte und hinterfragte angesichts des Problems „Internistisches Polytrauma“, ab wann die Patienten sich selbst aufgäben.

 

Schwierige sekundäre Lymphödeme waren auch Thema von Frau Dr. med Barbara Netopil. Anhand des Fallbeispiels eines sehr komplexen, sich über viele Jahre  erstreckenden Krankheitsverlaufs mit teils suboptimaler Versorgung zeigte sie auf, wie wichtig der Erfahrungsaustausch und die Kreativität aller an der Therapie Beteiligten sei, um auch bei individuellen Schwierigkeiten praktikable und erfolgreiche Lösungen zu finden: Ärzte, Therapeuten, Bandagisten, medizinischer Fachhandel, Hersteller medizinischer Hilfsmittel und Selbsthilfegruppen.

 

Die Möglichkeiten der modernen effizienten Kompressionsversorgung präsentierte Christine  Hemmann-Moll, Bad Rappenau. Wichtig für den Erfolg einer Kompressionstherapie seien vor allem die Compliance des Patienten, die Auswahl des richtigen Materials und die Ausrichtung der Therapiekonzeption auf die aktuellen Patientenbedürfnisse. So sei der Start mit einer niedrigeren Kompressionsklasse zum Eingewöhnen in Erwägung zu ziehen. Ziel sei es, dem Patienten ein normales Leben im Alltag mit Mobilität und Selbstständigkeit zu ermöglichen. Bei der Auswahl des Kompressionsmaterials sei es wichtig, die Balance zwischen Stiffness und Beweglichkeit zu finden. 
Für das leichtere Anlegen der Kompression, gerade auch bei Adipositas assoziierten Lymphödemen, seien zweiteilige Versorgungen wie z.B. Radlerhose in Kombination mit Oberschenkelstrümpfen zu empfehlen. Mit modernen Bandagehilfen und Wrap-Systemen könnten sich die Patienten auch aktiv an der Therapie beteiligen. Ziel seien auf den Patienten abgestimmte Gesamtkonzepte, um diesen im Therapieprozess zu halten und Therapieabbrüche zu vermeiden. Besonders wichtig dazu sei das Selbstmanagement durch Edukation und Aufklärung des Patienten. 

 

Herzinsuffizienz, pAVK und Lymphödem – Kompressionstherapie ausgeschlossen? Dieser Frage ging Frau Dr. med. Christine Heim-Gruteser, Walchsee/Österreich auf den Grund. Guidelines sollten dem behandelnden Arzt richtungsweisend Behandlungsalgorithmen zur optimalen und ökonomischen Therapie seiner Patienten zur Verfügung stellen. Gerade der Lymphödempatient in seiner individuellen Ausprägung benötige aufgrund seiner vielschichtigen Erscheinungsbilder viel Erfahrung, um ihn im Medizinalltag durch die Guidelines mit ihnen oder gegen sie optimal zu versorgen. Gerade in Spezialkliniken für Lymphödempatienten lägen bei der Aufnahme der Betroffenen relativ selten aktuelle kardiologische oder angiologische Befunde vor. Der behandelnde Arzt müsse hier viel Erfahrung einbringen, um zu entscheiden, ob oder wieviel Kompression der Patient erhalten dürfe. Anhand von klinischen Fallbeispielen wurden einige Entscheidungsalgorithmen vorgestellt, die nicht immer Leitlinien gerecht gewesen seien, aber beim Patienten doch sehr häufig zu befriedigenden Ergebnissen geführt hätten.

 

Unter dem Titel „Was geht mit Ödem“ stellte Frau Dr. med. Jeanette Marell, Bad Nauheim, Beispiele zur Beurteilung der Arbeitsfähigkeit von Ödempatienten vor. Neben der medizinischen Diagnose bedürfe es vor allem der sozialmedizinischen Einschätzung: In einer A-Beurteilung werde bestimmt, in welchem zeitlichen Umfang die bisherige berufliche Tätigkeit ausgeübt werden könne. In der B-Beurteilung würde ermittelt, welche alternative Tätigkeit der Patient in welchem Umfang am allgemeinen Arbeitsmarkt noch ausführen könne. Volle Erwerbsminderung läge vor, wenn keine Tätigkeit von mindestens 3 Stunden täglich ausgeführt werden könne. Eine teilweise Erwerbsminderung läge bei 3 bis unter 6 Stunden vor. Wichtig seien daher in der Reha die Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben. Darunter verstünde man Maßnahmen, die die Arbeits- und Berufstätigkeit von Menschen mit Krankheiten/Behinderungen fördere, aber auch Hilfen, um einen Arbeitsplatz zu erhalten (Lehrgänge, Umschulungen etc.)

 

Ein Update der chirurgischen Ödem-Behandlung gab Frau Dr. med. Julia Roka-Palkovits, Wien/Österreich. Zwingender Faktor für die Zulassung zu einer OP sei, neben Grad des Lymphödems und Symptomatik/Leidensdruck, das Versagen einer zuvor konsequent durchgeführten konservativen Therapie. Kontraindikationen seien CVI, pAVK sowie eine aktive Krebserkrankung. Zur diagnostischen Abklärung kämen (Indocyaningrün-) Lymphangiographie sowie Ultraschall zur Anwendung. State of the Art der Ödem-Chirurgie seien lymphovenöse Anastomosen (LVA), bei denen Lymphbahnen an das Venensystem angeschlossen würden sowie der frei vaskularisierte Lymphknotentransfer (VLNT), bei dem ein ganzer Gewebelappen mit Lymphknoten inkl. Blutgefäßen verpflanzt würde. Bei letzterem sei jedoch die Gefahr der Hebedefekt-Morbidität sowie der Entstehung eines sekundären Lymphödems an der Hebestelle zu beachten.

 

Die plastische Chirurgie als Möglichkeit im Rahmen der Lymphödem-Therapie erörterte Prof. Dr. med Manfred Infanger, Magdeburg. Als Methoden stünden heute Liposuktion, Reduktionsplastiken, aber auch bereits mikrochirurgische Techniken zur Verfügung.  Künftig seien auch Lösungsansätze aus der Gen- bzw. Stammzellentherapie sowie der computergesteuerten Ultra-Mikrochirurgie denkbar. Die heutigen operativen Therapiemöglichkeiten ließen sich in Rekonstruktion, also der Wiederherstellung unterbrochener Lymphbahnen, und Reduktion, der Entfernung von pathologisch verändertem Gewebe, unterscheiden. Die plastische Chirurgie könne bereits heute effektiv mithelfen, lymphologische Erkrankungen zu heilen oder die Notwendigkeit für komplexe Entstauungstherapien drastisch zu senken.

 

Die Abgrenzung zwischen Lipödem, Lipohypertrophie und Adipositas war Inhalt des Vortrags von Dr. med. Axel Baumgartner, Lübeck. Das Lipödem sei eine Erkrankung bei Frauen, charakterisiert durch eine umschriebene symmetrische Unterhautfettvermehrung vorwiegend an den Beinen, seltener an den Armen. Diese führe zu einer Disproportion zwischen schlankem Ober- und voluminösem Unterkörper. Typischerweise gehe damit, im Gegensatz zu den anderen Krankheitsbildern, immer eine symmetrische Beschwerdesymptomatik im Sinne einer Berührungsempfindlichkeit, Spannungs- und Druckschmerzen sowie eine Neigung zum Auftreten von Hämatomen einher. Obwohl heute noch nicht alle Aspekte der Therapie beim Lipödem verstanden würden, sei mit einer aufeinander abgestimmten Kombination konservativer und operativer Maßnahmen (ggf. manuelle Lymphdrainage mit anschließender Kompression und Liposuktion) eine ausgeprägte Befund- und Beschwerde-besserung mit einem hohen Gewinn an Lebensqualität möglich.

 

Das Ödem aus Sicht der Narbentherapie betrachtete Prof. Dr. med. Peter Stollwerck, Gütersloh. Jährlich entstünden weltweit ca. 100 Millionen Narben, die zu 80 % auf operative Eingriffe zurück zu führen seien. Dabei sei häufig eine Kombination aus ödematöser Schwellung und äußerer, aber auch innerer Narbenformation beobachtbar.  Besonders nach Traumen, Operationen, Verbrennungen oder chronischen Wunden träten beide gemeinsam auf. Jedoch gebe es bislang kaum Forschung über die Interaktion von Ödem und Narbe. Grundlegend lasse sich aber bereits heute sagen, dass die Reduktion von Ödemen die Wundregeneration und Narbenreifung fördere. Besonders multimodale Therapieregime wie die KPE, die eine anti-inflammatorische Wirkung aufwiesen, seien für die gemeinsame Therapie von Ödem und Narbe sinnvoll.
 

Die Geschichte der MLD und ihrer Aufnahme in den Abrechnungskatalog der Ersatzkassen von ihren Anfängen 1973 bis heute zeigte Hans Pritschow, Waldkirch in seinem Vortrag „Quo vadis KPE“ auf und gab auch einen Ausblick auf die künftige Entwicklung. Sein Fazit: Die Optimierung der ambulanten Lymphödemtherapie schreite im Sinne eines konstanten Verbesserungsprozesses fort. Um die weltweit einmaligen Möglichkeiten des deutschen Gesundheitssystems für den Lymphpatienten zu nutzen, brauche es umfassende Kenntnisse der ärztlichen Verordnungsmöglichkeiten. Dabei funktioniere bereits heute die Zusammenarbeit von Arzt, Therapeut, Patient und versorgendem medizinischen Fachhandel zumindest regional sehr gut.

 

Die Initiatoren der Veranstaltung waren mit den Besucherzahlen und der Resonanz überaus zufrieden. 

 

Die Vorbereitung für das „3. Thüringer Lymphologie Symposium“ laufen bereits, die Veranstaltung wird am 25. September 2021 stattfinden. Weitere Infos zu den nächstjährigen Symposium unter www.juzo.com/de/akademie/symposien 

Referenten

Dr. med. Axel Baumgartner 
Facharzt für Chirurgie, Notfallmedizin 
Hanse-Klinik 
St.-Jürgen-Ring 66, 23564 Lübeck
 



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Dr. univ. Christine Heim-Gruteser 
Fachärztin für Anästhesiologie und Intensivmedizin, 
Ernährungsmedizin, Lymphologie 
Wittlinger Therapiezentrum GmbH 
Alleestraße 30, 6344 Walchsee / Österreich
 

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Christine Hemmann- Moll 
Bandagisten-Meisterin 
Buchenstraße 34, 74906 Bad Rappenau

Prof. Dr. med. Manfred Infanger 
Ärztlicher Direktor 
Universitätsklinikum Magdeburg 
Klinik für Plastische, Ästhetische und Handchirurgie 
Leipziger Straße 44, 39120 Magdeburg

Susann Jicha
Physiotherapeutin 
Charité Physiotherapie- und Präventions- 
zentrum GmbH 
Charitéplatz 1, 10117 Berlin

Prof. Dr. med. Knut Kröger 
Chefarzt 
Klinik für Angiologie 
Helios Klinikum Krefeld 
Lutherplatz 40, 47805 Krefeld

Dr. med. Jeannette Marell

Oberärztin 
Fachärztin für Innere Medizin 
Reha-Zentrum Bad Nauheim 
Klinik Taunus 
Abteilung Lymphologie 
Lindenstraße 6, 61231 Bad Nauheim

Dr. med. Barbara Netopil 
Ärztin für Lymphologie 
Klinik Königstein der KVB 
Sodener Straße 43, 61462 Königstein im Taunus

 

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Hans Pritschow
Lymphdrainagetherapeut,
Fachlehrer MLD / KPE 
Zentrum für Manuelle Lymphdrainage 
Goethestraße 17, 79183 Waldkirch

 

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Dr. med. Anett Reißhauer 
Leitung Arbeitsbereich Physikalische Medizin und Rehabilitation 
Charité-Universitätsmedizin, Berlin 
Charitéplatz 1, 10117 Berlin

Dr. med. Achim Richter 
Chefarzt 
Inselsberg-Klinik 
Wicker GmbH & Co. OHG 
Fischbacher Straße 36, 99891 Bad Tabarz

Dr. med. univ. Julia Roka-Palkovits
Fachärztin für Plastische und Rekonstruktive 
Chirurgie 
Universitätsklinikum für Chirurgie der 
Medizinischen Universität Wien 
Abteilung für Plastische und Rekonstruktive Chirurgie 
Währinger Gürtel 18-20, 1090 Wien/Österreich

Prof. Dr. med. Peter L. Stollwerck 
Oberarzt 
Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie, Handchirurgie, Notfallmedizin 
Sektion Plastische und Ästhetische Chirurgie, Handchirurgie 
Klinikum Gütersloh gGmbH 
Reckenberger Straße 19, 33332 Gütersloh

Studiengangsleitung Medizinische Assistenz – Chirurgie (B.Sc.) 
Fliedner Fachhochschule Düsseldorf 
Alte Landstraße 179, 40489 Düsseldorf

Dr. med. Kira Süßmuth 
Assistenzärztin 
Klinik für Hautkrankheiten 
Allgemeine Dermatologie und Venerologie 
Von-Esmarch-Straße 58, 48149 Münster

Rückblick 2019 - Impressionen vom 2. Thüringer Lymphologie Symposium 2019

In unseren Impressionen haben wir eine Auswahl an Bildern der Veranstaltung für Sie bereitgestellt. Weitere Bilder des 2. Thüringer Lymphologie Symposiums finden Sie in unserer Bildergalerie online unter www.galerie.juzo.com. Das Passwort erhalten Sie von unserer Symposium-Ansprechpartnerin Dace Zanker