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9. Münchner Lymph-Symposium

Lymphödem-Therapie als Ganzes - Ein interprofessionelles Teamwork

23.06.2018 - München


„Die Lymphologie ist eine spannende interprofessionelle und interdisziplinäre Fachrichtung, die alle in der Therapie und der Patientenversorgung Beteiligten immer wieder vor neue Herausforderungen stellt“, so die wissenschaftliche Leiterin Frau Dr. med. Michaela Knestele , Chefärztin am Wundzentrum Allgäu, bei ihrer Begrüßung zum 9. Münchner Lymph-Symposium.

Die Veranstaltung fand dieses Jahr unter dem Titel „Lymphödem-Therapie als Ganzes – Ein interprofessionelles Teamwork statt“. Sie richtete sich nicht nur an lymphologisch interessierte Ärzte, sondern auch an Therapeuten und Versorgungs-fachkräfte des medizinischen Fachhandels. Es erwarteten die mehr als 400 Besucher  hochkarätige Vorträge über die besondere Problematik von Lymphödemen mit Begleiterkrankungen wie z. B. Rheuma, Phlebothrombose, CRPS, Wunden sowie durch Arzneimittel ausgelöste Ödeme und deren Therapie-Optionen.

Unter dem Stichwort „Edukation“ befasste sich ein weiterer hochaktueller Themenkomplex mit der in die neue Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Lymphödeme“ aufgenommenen 5. Säule der KPE, dem Patienten-Selbstmanagement, und beleuchtete dabei die Rolle des Arztes, des Therapeuten, des medizinischen Fachhandels sowie des Patienten.

Lymphödeme mit Begleiterkrankungen

Die wichtigsten pathophysiologischen Mechanismen für die Ödementwicklung seien erhöhter kapillärer oder venöser Druck, gesteigerte Permeabilität der Gefäßwand sowie verminderte Drainageleistung des lymphatischen Systems. Neben Erkrankungen wie Herzinsuffizienz oder Diabetes mellitus seien häufig auch Medikamente ursächlich für Ödeme. PD Dr. med Norbert Lotz, Kempten, beleuchtete die ödemfördernde Wirkweise unterschiedlicher Wirkstoffgruppen und mahnte zum selektiven Einsatz von Arzneimitteln und ggfls. Reduzierung der Dosis. Denn: Medikamente seien keine Smarties.

Laut Frau Prof. Dr. med Anke Strölin, Tübingen, müsse jeder klinische Verdacht auf Venenthrombose umgehend soweit abgeklärt werden, dass eine therapeutische Entscheidung erfolgen könne. Aufgrund ähnlicher Symptome wie beim Lymphödem sei entsprechend der aktuellen S2k-Leitlinie die Anamnese und körperliche Untersuchung alleine hierzu nicht ausreichend. Vielmehr sei Sonographie des gesamten Beines angezeigt, bei unklarem Befund auch eine wiederholte Kontrollsonographie nach 4 - 7 Tagen. Die initiale Therapie beinhalte neben Antikoagulation (z.B. niedermolekulares Heparin, gefolgt von der überlappenden Gabe eines Vitamin K-Antagonisten) auch die frühzeitige Einleitung einer Kompressionstherapie, um Schmerzen und Schwellungen zu verringern.

Die Auswirkungen von Lymphödemen auf die Psyche erklärte  Mag. Dr. Barbara Mösinger-Strubreither, Walchsee / Österreich. Chronische Erkrankungen führten häufig zu psychischen Belastungen der Betroffenen. Wichtig sei es daher, während der Therapie die Patienten durch gezielte Wissensvermittlung und Sozialkompetenz-training mündig zu machen, die (Selbst-)Akzeptanz zu fördern und ihnen zu helfen, mit ihrer neuen Situation zurechtzukommen. Auch Gespräche  mit den Angehörigen und v.a. den Kindern seien sehr wichtig.

Über die Zusammenhänge von Lymphödem und Rheuma referierte Dr. med. Helmut Uhlemann, Altenburg. Rheumatische Entzündungen seien aufgrund erhöhter Membranpermeabilität, vermehrter Lymphbildung bei zusätzlicher schmerzbedingter Reduktion der Lymphangiomotorik häufig mit Lymphödemen assoziiert. Es entstünde ein Teufelskreis Schmerz – Entzündung – Ödem – Schmerz. Für eine erfolgreiche Therapie sei eine genaue klinische Differential-Diagnose – sonographisch, radiologisch und laborchemisch – notwendig. Physiotherapie, insbesondere die KPE, habe zentrale symptomatische und prognostische Bedeutung für beide Entitäten. Sie sei auch bei Rheuma immer möglich, da es sich hierbei um eine sterile Entzündung handele.

Therapieoption Physikalische Entstauung

Nach der neuen S2k Leitlinie könne die intermittierende pneumatische Kompression (IPK, AIK) eine adjuvante Therapieform zur komplexen physikalischen Entstauungstherapie (KPE) darstellen, insbesondere bei distal betonten Arm- oder Beinödemen und bei eingeschränkter Mobilität. Sie könne stationär, ambulant, aber auch mittels Heimgerät angewandt werden und fördere hier das Selbstmanagement und die Eigenverantwortung des Patienten. Bei Lipödemen werde sie zur Ödemreduktion, Schmerzlinderung und Reduktion der Hämatomneigung eingesetzt. Dr. med. Franz-Josef Schingale, Hohenstadt, erklärte Wirkweise und Effekte dieser Technik, gab Tipps zur Anwendung und stellte verschiedene Gerätetypen vor. Besonders wichtig: Um die Ergebnisse der IPK zu halten, müsse anschließend Kompressionsbekleidung getragen werden.

Welche Rolle spielt die manuelle Lymphdrainage bei Morbus Sudeck / CRPS? Diese Frage stellte Dr. med. Anselm Reiners, München. Kennzeichnend für CRPS (Complex Regional Pain Syndrom) sei das gemeinsame Auftreten von anhaltenden Schmerzen und vegetativen Symptomen, die das Versorgungsgebiet einer Nervenwurzel oder eines Nerven überschritten. Es könne in zwei klinischen Formen auftreten: Ohne nachweisbares Nerventrauma, aber auch bei Vorliegen einer Nervenschädigung. Die Manuelle Lymphdrainage sei fester Bestandteil eines individuellen interdisziplinären Therapiekonzeptes bei CRPS. Von Beginn der Therapie an vertreten, verbessere sie die Funktion und helfe, Komplikationen zu reduzieren. Lymphdrainage und Komplexe Entstauungstherapie gingen über einen rein peripher begründeten Therapieansatz hinaus und seien in jeder Leitlinie vertreten.

Wunde und Lymphe

Verschiedene Methoden zum Abtragen von nekrotischem Gewebe wie Wasserstrahl, Ultraschall oder CO2-Laser zeigte Dr. med. Markus Öhlbauer, Murnau, in seinem Vortrag „Management der Lymphe aus dem Wundbett“ auf. Gute Erfolge beim Debridement von großflächigen Wunden ließen sich durch die Wundunterdrucktherapie erzielen. Diese ermögliche einen kontrollierten  Abtransport von Exudat, Blut, Lymphe und bakteriellen Toxinen und reduziere auch den Schmerzmittelbedarf. Zudem habe sie einen positiven Effekt auf die Ödemreduktion und mache oftmals eine Hautübertragung unnötig.

Selbstmanagement als 5. Säule der KPE

Über die Wichtigkeit des Patienten-Selbstmanagements als 5. Säule der KPE aus der Sicht der Betroffenen berichtete Susanne Helmbrecht, Vorsitzende Lymphselbsthilfe e.V, Herzogenaurach. Aufklärung aller Patienten über das Lymphödemrisiko sowie Art, Manifestationsformen und mögliche Verläufe der chronischen Krankheit seien ebenso wichtig wie Schulungen der Betroffenen in Atemübungen, Bewegung, Ernährung, Hautpflege etc.. Vermittelt werden müssten auch Kenntnisse über die Funktionsweise des Lymphsystems, die verschiedenen Kompressionsmaterialien, einfache Lymphgriffe und Selbstbandage. Hierfür biete die Lymphselbsthilfe Workshops und Info-Materialien an

Was kann der Arzt dem Patienten raten? Dr. med. Jochen Berger, Graben, gab viele hilfreiche Tipps, wie Ödempatienten sich vor Komplikationen durch Verletzungen, Insektenstiche  oder Überlastungen sowohl im Alltag als auch im Urlaub schützen können. Aber auch Arzt und Therapeut müssten bei dieser Patientengruppe besonders sensibel agieren, z.B. den Blutdruck nur am gesunden Arm messen, und auf manche Behandlungsmethoden wie Akupunktur oder heiße medizinische Bäder verzichten

Für jeden Patienten die passende Therapie – Eva-Maria Streicher, München, zeigte auf, was der Physiotherapeut dem Lymphpatienten über die manuelle Lymphdrainage hinaus anbieten kann. Unter dem Aspekt des Selbstmanagements beleuchtete sie Hautpflege, Kompressionstherapie (Stichwort Selbstbandage) und entstauende Bewegungs- und Atemtherapie. Zusätzlich untersuchte sie additive Therapieformen wie Lagerungstherapie, Thermotherapie, Kneippsche Anwendungen oder auch Krafttraining auf ihre Tauglichkeit für Lymphpatienten

Ein Lymph- und/oder Lipödem könne bei richtiger Therapie und Selbstmanagement meist gut „in Form“ gehalten werden und müsse nicht zwangsläufig das Leben des Patienten bestimmen, so Frau Ursula Winkler, Memmingen. Wichtig dabei seien gut passende und handlebare, auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmte Kompressionsversorgungen, die regelmäßig getragen und erneuert würden sowie ergänzende Anziehhilfen und Pflegeprodukte, die möglichst bereits im frühen Stadium zum Einsatz gebracht werden sollten. Der medizinische Fachhandel sei ein wichtiger Ansprechpartner für eine funktionierende KPE und darüber hinaus langjähriger Begleiter für Ödem-Patienten

Ziel der Patientenedukation sei die Förderung des Selbstmanagements der Patienten. Dazu müsse dieser Kenntnisse über die Entstehung und Therapie des Lymphödems erwerben. Nach Sabine Engstle, Kaufbeuren, gehören dazu Informationen zur Ursache der Erkrankung und die Bedeutung der einzelnen Bausteine der KPE, die Beratung zu Kompressionsprodukten sowie die Anleitung und Schulung zur richtigen Anwendung. Nur wenn der Patient informiert und überzeugt von der Behandlung und Empfehlung sei, sowie sicher in den Durchführung der Maßnahmen, sei die Edukation erfolgreich.

KPE nach Amputationen

Dr. med. Michaela Knestele, Kaufbeuren referierte zum Thema „Manuelle Lymphdrainage am Amputationsstumpf“.  87 % aller Amputationen seien durch arterielle Durchblutungsstörungen (pAVK) bedingt. Andere Ursachen seien Unfälle/Traumata oder Tumore und Entzündungen. Abhängig von ihrer Lokalisation (unterhalb bzw. oberhalb des Knöchels) würden Amputationen in Minor- und Maioramputationen unterschieden.

Zeitnah nach der Amputation komme bereits die Manuelle Lymphdrainage zum Einsatz, kombiniert mit einer unter größter Vorsicht applizierten Kompressions-bandagierung. Durch die Reduktion des Ödems erfolge eine bessere Gewebeversorgung durch Reduktion der Diffusionsstrecke und damit eine bessere Abheilung. Zudem wirkten sich MLD und Kompression positiv auf die Stumpfformung aus.

Neue Erkenntnisse zum Lipödem

Beim Lipödem handele es sich um eine chronisch progrediente Fettverteilungs-störung mit Disproportion zwischen Stamm und Extremitäten, von der nahezu ausschließlich Frauen betroffen seien. Weitere Symptome seien Hämatomneigung durch Bagatelltraumata, Spontanschmerzen und Druckschmerzhaftigkeit. Vom Lymphödem ließe sich das Lipödem in vielen Faktoren unterscheiden, darunter auch dem fehlenden Stemmer´schen Zeichen. Auch von der Adipositas sei das Lipödem als eigenständiges Krankheitsbild abzugrenzen, da trotz Reduktion des Gesamtgewichts und des Stammfettes keine Volumenabnahme der Extremitäten zu erzielen sei. Frau Anna-Theresa Bauer, München, berichtete in ihrem Vortrag „Lipödem – Naturwissenschaftliche Grundlagen der Krankheit“ von einer aktuellen Studie zu den Ursachen des LIpödems. Dies käme zu dem Ergebnis, dass sich Lipödem-Fettzellen anders als Nicht-Lipödem-Fettzellen verhielten: Die Zelldifferenzierung unterscheide sich deutlich. Auch produzierten Lipödem-Fettzellen signifikant unterschiedlich viele adipogene Faktoren. Es seien weitere Studien notwendig, um die genetische Komponente zu erforschen.

Im Rahmen des Symposiums überreichte Herr Roger Willms, Julius Zorn GmbH, einen Spendenscheck an Frau Dr. med. Michaele Knestele. Der Betrag kommt der Deutschen Gesellschaft für Lymphologie zugute und wird für die Unterstützung weiterer Forschungsvorhaben verwendet.
Mit den Besucherzahlen und der Resonanz auf die Veranstaltung waren die Initiatoren hochzufrieden. Die Vorbereitungen für die Folgeveranstaltung laufen bereits. Das „10. Münchner Lymphologische Symposium“ wird am 29. Juni 2019 stattfinden.

Referenten

Anna-Theresa Bauer

Klinik und Poliklinik für Plastische Chirurgie und Handchirurgie,
Klinikum rechts der Isar
Technische Universität München
Ismaninger Straße 22, 81675 München

Lipödem – Naturwissenschaftliche Grundlagen der Krankheit verstehen

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Dr. med. Jochen Berger

Facharzt für Allgemeinmedizin, Lymphologie
Tulpenweg 2, 86836 Graben

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Sabine Engstle

Pflegerische Leitung Wundambulanz
Wundzentrum Allgäu, Kliniken Ostallgäu-Kaufbeuren
Dr.-Gutermann-Straße 2, 87600 Kaufbeuren

Evi Fuchs

Physiotherapeutin, Lymphtherapeutin
Praxis für Physiotherapie, Lymphzentrum Großhadern
Würmtalstraße 100, 81375 München

Susanne Helmbrecht

Dipl.-Psychologin
Vorsitzende Lymphselbsthilfe e.V
Zum Köpfwasen 9, 91074 Herzogenaurach

PD Dr. med. Norbert Lotz

Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie,
MVZ Kempten-Allgäu
Robert-Weixler-Straße 19, 87439 Kempten

Dr. med. Michaela Knestele

Chefärztin Wundzentrum Allgäu
Kliniken Ostallgäu-Kaufbeuren
Dr.-Gutermann-Straße 2, 87600 Kaufbeuren

MMag. Dr. Barbara Mösinger-Strubreither

Klinische- und Gesundheitspsychologin,
Psychotherapeutin, Wittlinger Therapiezentrum
Alleestraße 30, 6344 Walchsee / Österreich

Lymphödem und Psyche

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Dr. med. Markus Öhlbauer

Leitender Arzt Plastische Chirurgie
BG Unfallklinik Murnau
Prof.-Küntscher-Straße 8, 82418 Murnau

Dr. med. Anselm Reiners

Chefarzt der Klinik für Frührehabilitation und
Physikalische Medizin, Klinikum Bogenhausen
Städtisches Klinikum München GmbH
Englschalkinger Straße 77, 81925 München

Dr. med. Franz-Josef Schingale

Ärztlicher Leiter
Lympho-Opt Fachklinik
Happurger Straße 15, 91224 Hohenstadt

Patienten-Selbstmanagement: Leitliniengerechte Therapieunterstützung durch intermittierende pneumatische Kompression

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Eva-Maria Streicher

Physiotherapeutin, Fachlehrerin für ML / KPE
Praxis für Physiotherapie, Lymphzentrum Großhadern
Würmtalstraße 100, 81375 München

Was außer Manuelle Lymphdrainage kann der Physiotherapeut dem Lymphpatienten anbieten?

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Prof. Dr. med. Anke Strölin

Leitende Oberärztin
Universitäts-Hautklinik Tübingen
Liebermeisterstraße 25, 72076 Tübingen

Lymphödem und akute Phlebothrombose

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Dr. med. Helmut Uhlemann

Chefarzt Klinik für Innere Medizin / Angiologie
Klinikum Altenburger Land GmbH
Am Waldessaum 10, 04600 Altenburg

Ursula Winkler

Orthopädiemechaniker- und Bandagistenmeisterin
Fraunhoferstraße 10, 87700 Memmingen

Impressionen vom 9. Münchner Lymph-Symposium 2018

In unseren Impressionen haben wir eine Auswahl an Bildern der Veranstaltung für Sie bereitgestellt. Weitere Bilder des 9. Münchner Lymph-Symposiums 2018 finden Sie in unserer Bildergalerie online unter www.galerie.juzo.com. Das Passwort erhalten Sie von unserer Symposium-Ansprechpartnerin Dace Zanker