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7. Berliner Lymphologisches Symposium

Lymphödeme interdisziplinär

14.04.2018 - Berlin


„Lymphödeme interdisziplinär“ war der Titel des 7. Berliner Lymphologischen Symposiums, das am 14. April 2018 stattfand. Dazu eingeladen hatten die wissenschaftliche Leiterin Dr. med. Anett Reißhauer, Leitung des Arbeitsbereiches Physikalische Medizin und Rehabilitation an der Charité-Universitätsmedizin Berlin, und die Julius Zorn GmbH als Veranstalter.

Auch in diesem Jahr erwartete die mehr als 400 Besucher aus Ärzteschaft, Therapie und medizinischem Fachhandel ein interessantes Programm zu häufigen Fragen rund um die Behandlung von Lymphödemen. Die Themen erstreckten sich von aktuellen anatomischen Erkenntnissen zu Lymphgefäßen im Kopf über differentialdiagnostische Aspekte um das Angioödem bis hin zu medikamenteninduzierten Ödemen. Darüber hinaus wurden u. a. das therapeutische Management bei Lymphödem und ernährungstherapeutische Aspekte diskutiert.

Die Drainage des Gehirns und Rückenmarks mit Lymphflüssigkeit erfolge nach neueren Forschungsergebnissen durch das „Glymphatische System“ des Hirnschädels (Neurocranium) und des Rückenmarkkanals (Canalis spinalis), so Prof. Dr. Dieter Blottner, Charité Universitätsmedizin Berlin. Die besondere klinische Relevanz ergebe sich im Hinblick auf die Beteiligung bidirektionaler lymphatischer Versorgung aus den Knochenhöhlen des ZNS z.B. bei der Bildung peripherer Ödeme am Kopf, Hals und Rumpf, im Alter (Abbau von AQP4 Wasser-Kanälen reduziert Drainage), bei ZNS Traumata und Schlaganfall (Konzentrationsänderungen von Plasma-Biomarkern), sowie bei vaskulärer Demenz (erweiterte perivaskuläre Räume) und anderen neurodegenerativen Erkrankungen.

Einen Überblick über Diagnostik und Therapie von Angioödemen gab Prof. Dr. med. Martin Metz, Charité-Universitätsmedizin Berlin. Die Ursachen rezidivierender Angioödeme seien vielfältig und diagnostisch oft schwer zu fassen. Die Mehrzahl der Angioödeme sei Mastzell-vermittelt und trete im Rahmen einer akuten oder chronischen Urtikaria auf. Kinin-vermittelte Angioödeme seien deutlich seltener. Hierzu gehörten die ACE-Hemmer-induzierten Angioödeme und hereditäre und erworbene Formen des Angioödems, denen ein Mangel oder eine Dysfunktion des C1-Inhibitors (C1-INH) zugrunde läge.

Über arzneimittelinduzierte Ödeme referierte Dr. med. Michael Oberlin, Hinterzarten. 40 % der Bevölkerung nähmen mehr als 5 Medikamente ein. Von über 900 Medikamenten seien bei 330 als Nebenwirkung „Ödem“ beschrieben. Es könnten sowohl periphere Ödeme auftreten, als sich auch vorbestehende (Lymph-)Ödeme verschlechtern. Häufige Ödemursache sei die Natrium-Retention, die zu erhöhtem Plasmavolumen führen würde. Auch das Absetzen von Diuretika könne die Entstehung von Ödemen begünstigen. Generell gelte es bei der Verordnung  neuer Arzneimittel für (Lymph-)Ödempatienten gut abzuwägen: Weniger sei manchmal besser.
Ernährung und Lymphödem – gibt es die Lymphödemdiät? Dieser Fragestellung ging Prof. Dr. med Tilman Grune vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung, Potsdam nach. Er verglich die unterschiedlichen gängigen Empfehlungen für eine gesunde Ernährung, analysierte verschiedene Aspekte wie Ballaststoffe, Fettsäuren-zusammensetzung und Glykämischen Index und hinterfragte kritisch vegane und glutenfreie Ernährung. Laut Deutscher Gesellschaft für Lymphologie gelte es beim Lymphödem, Übergewicht zu vermeiden und sich gesund zu ernähren. Eine besondere Lymphdiät gebe es dagegen nicht.

Dr. med. Oliver Haase, Charité-Universitätsmedizin Berlin, referierte über das Management von Lymphfisteln und Lymphozelen nach Operation und erläuterte das chirurgische Vorgehen zur Prävention sekundärer Komplikationen. Aktuell gebe es keine ausreichende Evidenz, dass intraoperative Maßnahmen zur Verschlusstechnik der Lymphbahnen oder Verkleinerung/schnellere Verklebung der Wundhöhlen die postoperative Rate an Lymphfisteln oder Seromen relevant beeinflussen würden. Vielmehr zeichne sich ab, dass eine volumen-kontrollierte Drainage die Serombildung bei längerer Drainagedauer reduziere. Eine frühe Kompressionsbehandlung direkt postoperativ könne zudem die Rate an Lymphödemen kurz- und langfristig senken.

Unter dem Titel „Seltsam – aber nicht selten“ stellte Rainer H. Kraus vom „Verein zur Förderung der Lymphoedemtherapie“ das Krankheitsbild der Podokoniose vor. Dabei handele es sich um eine nicht durch Filarien ausgelöste Art der Elephantiasis. Ursache seien Mikropartikel, die in Böden mit einem hohen Gehalt an roten Lateriten vulkanischen Ursprungs vorkämen. Diese Partikel drängen durch die Haut barfußlaufender Menschen ins subkutane Gewebe ein, führten dort zu Entzündungen, Ödematisierung und anschließender Fibrosierung . Über die Jahre entstehe so ein Lymphödem der unteren Extremitäten, meist bis unterhalb der Kniegelenke. Herr Kraus unterlegte seinen Vortrag mit beeindruckenden Bildern, die er selbst bei einer Forschungsreise durch Uganda aufgenommen hatte. Weltweit seien über 4 Millionen Menschen betroffen, vor allem in Afrika, Südamerika und Indien. 

Aktuelle Untersuchungsergebnisse zu Lymphödem und Komorbidität waren Thema von Frau Dr. med. Anett Reißhauer. Im Gegensatz zur Multimorbidität, bei der zwei chronische Krankheiten gleichzeitig/gleichwertig auftreten, steht bei der Komorbidität eine Erkrankung im Vordergrund. In einer Auswertung von aktuell 457 Fällen der Lymphödem-Sprechstunde an der Charité Universitätsmedizin Berlin wurden primäre und sekundäre Lymphödeme auf die Komorbiditäten Adipositas, Schilddrüsenerkrankungen, Erysipel, gesicherte genetische Syndrome, Rheumatische Erkrankungen und Osteoporose untersucht. Das Fazit: Beim Lymphödem spiele Komorbidität eine entscheidende Rolle. Oft bestünden auch Multimorbiditäten. Häufig erhöhe auch das Lymphödem selbst das Risiko für bestimmte Erkrankungen, z.B. das Erysipel. Komorbiditäten hätten Einfluss auf das Outcome, die Therapie und deren Effizienz. Ein Lymphödem ohne Komorbidität stelle eher eine Ausnahme dar.

Nach der Mittagspause konnten die Besucher unter drei Praxisseminaren auswählen.

Die Herausforderung des Kompressionsmanagements aus Sicht des Versorgers schilderte Christine Hemman-Moll, Bandagisten-Meisterin aus Bad Rappenau. Besonders Patienten mit Komorbiditäten, eingeschränkter Beweglichkeit und niedriger Compliance benötigten eine intensive Betreuung durch verschiedene Pflegekräfte. Dies sei jedoch mit hohem Zeit- und Kostenaufwand verbunden. Zur Verbesserung der Lebenssituation sei das Erlernen von Selbstmanagements-techniken hilfreich. Moderne Kompressionssysteme würden den Patienten die Selbstbandagierung erleichtern.

Besondere klinische Fälle, u.a. nach Sepsis, Waterhouse-Friderichsen-Syndrom, Karzinomen oder Amputation stellten Dr. med. Max Liebl, Dr. med. Christine Schwedtke und Dr. med. Claudia Wittmann, alle Charité-Universitätsmedizin Berlin, vor.

Wie wichtig Selbstmanagement und Aufklärung in Kombination mit der KPE für den Langzeit-Therapieerfolg sind, zeigten Susanne Helmbrecht, Vorsitzende Lymphselbsthilfe e.V. und Ralf Gauer, Fachlehrer für KPE/MLD, auf.
Die Lymphselbsthilfe e.V. biete für Betroffene deutschlandweit Workshops zu Lymphdrainage, Selbstbandagierung und Ernährung-Psyche-Bewegung an.
Zudem fördere sie die Gründung von regionalen Lip-Lymph-Selbsthilfegruppen und stelle umfangreiches Infomaterial zur Verfügung.

Spende für einen guten Zweck

Im Rahmen des Symposiums überreichte Herr Uwe Schettler, Geschäftsführer der Julius Zorn GmbH, einen Spendenscheck an Frau Dr. med. Anett Reißhauer. Der Betrag kommt den „Freunden und Förderern der Charité e.V.“ zugute und wird für weitere Forschungsvorhaben in der Lymphologie verwendet.
Mit den Besucherzahlen und der Resonanz auf die Veranstaltung waren die Initiatoren hochzufrieden. Die Vorbereitungen für die Folgeveranstaltung laufen bereits. Das „8. Berliner Lymphologische Symposium“ wird am 4. Mai 2019 stattfinden.

Referenten

Prof. Dr. med. Dieter Blottner

Charité-Universitätsmedizin, Berlin
Institut für Anatomie
Philippstraße 12
10115 Berlin

Die Lymphbahnen des Neurocraniums:
Aktuelle Forschungsergebnisse

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Ralf Gauer

Fachlehrer für KPE/MLD
Faust-von-Stromberg-Straße 27 91056 Erlangen


Prof. Dr. med. Tilman Grune

Wissenschaftlicher Vorstand
Deutsches Institut für Ernährungsforschung
Potsdam-Rehbrücke
Arthur-Scheunert-Allee 114-116
14558 Nuthetal

Dr. med. Oliver Haase

Charité-Universitätsmedizin, Berlin
Chirurgische Klinik
Augustenburger Platz 1
13353 Berlin

Susanne Helmbrecht

Dipl.-Psychologin
Vorsitzende Lymphselbsthilfe e.V.
Zum Köpfwasen 9
91074 Herzogenaurach

Christine Hemmann-Moll

Bandagisten-Meisterin
Buchenstraße 34
74906 Bad Rappenau

Rainer H. Kraus

Verein zur Förderung der Lymphödemtherapie e.V.
Voltastraße 8
91154 Roth

Dr. med. Max Liebl

Charité-Universitätsmedizin, Berlin
Arbeitsbereich Physikalische Medizin und Rehabilitation
Charitéplatz 1
10117 Berlin

Prof. Dr. med. Martin Metz

Charité-Universitätsmedizin, Berlin
Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie
Charitéplatz 1
10117 Berlin


Das Angioödem: Häufige differentialdiagnostische Fragestellungen I

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Dr. med. Michael Oberlin

Földiklinik GmbH & Co. KG
Rößlehofweg 2-6 
79856 Hinterzarten



Medikamenteninduzierte Ödeme:
Häufige differentialdiagnostische Fragestellungen II

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Dr. med. Anett Reißhauer

Charité-Universitätsmedizin, Berlin
Arbeitsbereich Physikalische Medizin und Rehabilitation
Charitéplatz 1
10117 Berlin






Dr. med. Christine Schwedtke

Charité-Universitätsmedizin, Berlin
Arbeitsbereich Physikalische Medizin und Rehabilitation
Charitéplatz 1
10117 Berlin

Norma Schwerter

Charité Physiotherapie- und Präventionszentrum GmbH
Charitéplatz 1
10117 Berlin


Dr. med. Claudia Wittmann

Charité-Universitätsmedizin, Berlin
Arbeitsbereich Physikalische Medizin und Rehabilitation
Charitéplatz 1
10117 Berlin

Impressionen vom 7. Berliner Lymphologischen Symposium 2018

Mit den Besucherzahlen und auch der Resonanz auf die Veranstaltung waren die Initiatoren hochzufrieden.

In unseren Impressionen haben wir eine Auswahl an Bildern der Veranstaltung für Sie bereitgestellt. Weitere Bilder des 7. Berliner Lymphologsichen Symposium 2018 finden Sie in unserer Bildergalerie online unter www.galerie.juzo.com. Das Passwort erhalten Sie von unserer Symposium-Ansprechpartnerin Dace Mezsarga