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5. Narbensymposium

Innovative Narbentherapie im interdisziplinären und interprofessionellen Kontext

20.10.2018 - Bremen


Beeindruckende Fortschritte in der Wund- und Narbenversorgung erweitern zunehmend die Lebensqualität und die Lebensspanne der Patienten im 21. Jahrhundert. Dabei werden neben der funktionellen Wiederherstellung vermehrt auch ansprechende ästhetische Ergebnisse abgefordert.

Die Plastische Chirurgie hat mit ihren vier Säulen (Verbrennungsmedizin, Rekonstruktive Chirurgie, Handchirurgie und Ästhetische Chirurgie) hier eine besondere Rolle, die Lebensqualität der Patienten auf einem hohen Maß zu erhalten. Die integrative Vernetzung, aber auch die wissenschaftliche Forschung und Informationsvermittlung spielen für die beteiligten Berufsgruppen, aber auch für die Kostenträger und den Patienten eine besondere Rolle.

Die wissenschaftlichen Leiter Dr. med. Bernd Hartmann, Chefarzt am Zentrum für Schwerbrandverletzte, Berlin, und Prof. Dr. med. C. Can Cedidi, Klinikdirektor der Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie, Bremen-Mitte, freuten sich, mehr als 100 Besucher zum 5. Narbensymposium in der Hansestadt Bremen begrüßen zu dürfen.

Im Rahmen dieser interdisziplinären und interprofessionellen Veranstaltung erhielten die Teilnehmer aus Ärzteschaft, physikalischer Therapie und medizinischem Fachhandel einen tiefen Einblick in die Möglichkeiten und die Perspektiven der modernen Narbentherapie.

Rekonstruktive Chirurgie

Einen Überblick über die Einsatzmöglichkeiten und die Entwicklung von Lappenplastiken gab Prof. Dr. Steven F. Morris, Halifax / Canada. State of the art sei aktuell die Perforatorlappenchirurgie. Bei dieser Technik wird die Haut und / oder subkutanes Fett von einem benachbarten oder entfernteren Teil des Körpers entnommen, um damit einen Defekt abzudecken. Wichtig dabei sei, die Blutgefäße zu erhalten und den Schaden an der Entnahmestelle möglichst gering zu halten. Diese Methode eigne sich bei Defekten bis zu 45 cm². Bei größeren Flächen müsse heute noch auf ältere Rekonstruktionstechniken wie den Muskellappen zurückgegriffen werden. Das Ende der Entwicklung sei jedoch noch nicht erreicht.

Dr. José Alfredo Neira Garza, Monterrey / Mexiko, zeigte unterschiedliche operative Maßnahmen zur Reduktion von Narben und Kontrakturen auf. Deren Erfolg sei immer abhängig von Lokalisation und  Ausdehnung des Narbenareals, Ausmaß der Beeinträchtigung, Zustand der Haut sowie Verfügbarkeit umliegenden Gewebes für die Rekonstruktion. Ziel müsse es immer sein, Funktion und Form im Einklang zu verbessern.

Moderne Defektdeckungskonzepte seien nur interdisziplinär zu lösen, so Univ.-Prof. Dr. med. habil. Adrian Dragu, Dresden. Für erfolgreiche und nachhaltige Defektdeckungen sei in der Klinik eine konstante und jederzeit verfügbare mikrochirurgische Expertise auf dem Fachgebiet der Plastischen Chirurgie notwendig. Für eine freie Lappenplastik gebe es keine absolute Kontraindikation. Defektdeckungskonzepte seien immer so individuell wie das Trauma oder die Erkrankung des Individuums. Es gelte: Je größer das Armamentarium der möglichen Lappenplastiken, desto erfolgreicher und qualitativ hochwertiger sei auch das Versorgungskonzept. Generell seien rekonstruktive Maßnahmen jedoch nur sinnvoll in Verbindung mit einem Nachbehandlungskonzept mit Physiotherapie und Kompressionsversorgung.

Handchirurgie

„Die traumatisierte Hand – Diagnostik und Planung der Rekonstruktion“ war Thema von Prof. Dr. med. David Benjamin Lumenta, Graz. Grundlage sei immer die Stabilisierung der knöchernen Struktur. Danach erfolge in Reihenfolge die Rekonstruktion von Strecksehne, Beugesehne, Arterien, Nerven und Venen. Es sei wichtig, für Transplantationen möglichst ähnliche Strukturen zu verwenden und neben der Funktion auch die Form zu verbessern. Zur Vermeidung von Infektionen empfehle sich die kurzfristige zielgerichtete Gabe von Antibiotika. Wichtig für den Behandlungserfolg sei die interdisziplinäre Vernetzung mit anderen Fachrichtungen, so Prof. Lumenta.

Über innovative Sanierungskonzepte bei Handinfektionen informierte Prof. Dr. med. Peter Mailänder, Lübeck. Handinfektionen würden grundsätzlich unterschätzt. Noch 1930 habe die Letalität bei 30% gelegen. Ursachen seien häufig Bagatelltraumen durch Fremdkörper, aber auch Bisswunden durch Tier und Mensch. Die speziellen Keime breiten sich über unterschiedliche Wege wie Sehnenscheiden, Bänder oder Karpaltunnel aus, häufig auch Richtung Unterarm. Mittel der Wahl sei die Chirurgie. Dabei sei frühzeitiges radikales Debridement entscheidend. Zur Nachbehandlung empfehle sich MLD, Kompression und Ergotherapie.

Igor Schwab, Bremen berichtete über das Thema „Die Handchirurgie in der Plastischen Chirurgie“. Die Handchirurgie als Teil der Plastischen Chirurgie erbringe einen wertvollen Beitrag zur Verbesserung des Outcome und der Lebensqualität. Ziele seien schnellstmögliche Defektdeckung und Erhaltung der Funktionalität. Dabei seien übungsstabile und narbensparende Operationsmethoden zu bevorzugen. Für die Handrehabilitation empfehle sich Physiotherapie, Ergotherapie, Kompressionstherapie und Narbenbehandlung. Wichtig für die Begrenzung funktionellen, ästhetischen und gesellschaftlichen Schadens seien ein individueller Therapieplan und transparente interdisziplinäre Behandlung in einem funktionierenden Netzwerk.

Verbrennungsmedizin

Eine Verätzung ist eine Verletzung, die durch den Kontakt mit chemischen Stoffen entstanden ist. Die sehr heterogenen Eigenschaften von Verätzungen werden durch Art, Konzentration, Menge und Einwirkzeit des chemischen Stoffes bestimmt. Dr. med. Matthias Rapp, Stuttgart, erläuterte den Wirkmechanismus von Säuren und Basen. Die Schädigung durch Basen sei oftmals schwerwiegender als durch Säuren, da sie tiefer in die Haut eindrängen. Am Beispiel von Natronlauge, Schwefelsäure und Flusssäure zeigte er deren Schädigungs- und Reizwirkung auf Haut und Augen auf sowie Möglichkeiten der Notfallbehandlung und geeignete Schutzmaßnahmen beim Umgang mit diesen Stoffen.

Als Debridement bezeichnet man das medizinische Vorgehen zur Entfernung von infiziertem, geschädigtem oder nekrotischem Gewebe aus Geschwüren, Verbrennungs- und anderen Wunden. Dr. med. Bernd Hartmann, Berlin, stellte in seinem Vortrag enzymatisches und chirurgisches Debridement gegenüber. Ein Vorteil des enzymatischen Debridements sei die selektive Gewebeentfernung - nur nekrotisches Gewebe würde entfernt, mehr vitale Dermis bliebe erhalten, was einer schnelleren Epitelisierung zugute käme. Zudem sei diese minimalinvasive diagnostische Methode leicht und ohne Nebenwirkungen anzuwenden und erlaube eine Nachbeurteilung innerhalb von 4 – 6 Stunden. In der nachfolgenden Behandlung der Verbrennungswunde würden in Abhängigkeit von der Läsionstiefe epidermale Ersatzmaterialien, Sprühhaut – und, oder Spalthautransplantate eingesetzt.
Plastische Chirurgische Rekonstruktion nach Verbrennungen – was ist möglich? Diesem Thema widmete sich Prof. Dr. med. C. Can Cedidi, Bremen. Natürlich sei die optimale Primärbehandlung immer das beste Therapiekonzept. Er plädiere dafür, die Narbe möglichst nur mit einer einzigen Rekonstruktionsmethode zu ersetzen und Patchwork zu vermeiden. Besonders wichtig sei die Aufklärung des Patienten über die modernen Behandlungsmethoden – häufig sei die einfache Rekonstruktion nicht die beste Lösung, durch aufwendigere Rekonstruktionen könnten oftmals außergewöhnliche Ergebnisse erzielt und zusätzlich Lebensqualität zurückgegeben werden. Hebedefektmorbiditäten seien bei Rekonstruktionen mittlerweile gering, aber abhängig von der Größe des erforderlichen Rekonstruktionssystems. Hier erwarte er für die Zukunft verbesserte synthetische Hautlösungen.

Ästhetische Chirurgie

Ziel bei einer Körperskulpturierung sei es, die ursprüngliche Form wieder herzustellen und durch Linderung der Beschwerden die Lebensqualität zu verbessern, so Frau Dr. med. Christine Gärtner, Bremen. Wichtig sei dabei ein hoher ästhetischer Anspruch und das Erzielen eines unauffälligen Narbenbildes. Zu erreichen wäre dies durch eine strenge Indikationsstellung und korrekte Planung vor dem Eingriff sowie dem Einsatz minimalinvasiver Operationsmethoden. Es gäbe viele Möglichkeiten, Narben gering zu halten oder an unauffälligen Stellen zu platzieren. Eine narbensparende Operation solle jedoch nicht um jeden Preis erzwungen werden.

Zu Methodik und Einsatzmöglichkeiten der autologen Fettgewebstransplantation (Lipofilling) referierte Frau Dr. med. Claudia Choi-Jacobshagen, Göttingen. Mit Hilfe der wasserstrahlassistierten Fettabsaugung (WAL) würden die Fettzellen schonend entnommen und nach Aufbereitung in das Zielareal transplantiert. Einsetzbar wäre dieses Verfahren in allen vier Säulen der Plastischen Chirurgie. Von Vorteil sei, dass durch das körpereigene Gewebe uneingeschränkte Bio- und Immunkompatibilität bestehe und kein allergischen Reaktionen zu befürchten seien. Größere Defekte könnten in mehreren Sitzungen aufgebaut werden. Auch sei das Verfahren narbenfrei und ermögliche zeitgleich den Abbau von Problemzonen. Nachteile könnten evtl. notwendiges mehrzeitiges Vorgehen aufgrund Teilresorption oder auch die Volumenlimitation sein.

Konzepte und Techniken der Narbenbehandlung 

Wichtig für die optimale Kompressionsversorgung des Patienten sei die enge Zusammenarbeit zwischen betreuendem Arzt und Versorger. Nur so könnten der richtige Zeitpunkt für die Vermessung festgelegt und medizinische Hintergründe geklärt werden, die in die Wahl der Versorgung mit einfließen müssen, um mögliche Fehler zu vermeiden. Ideal wäre es, so Stefan Wollborn, Weyhe, wenn der Versorger als Teil des Teams mit auf Station gehen könne.

Kombinierte Techniken bei der physikalischen Narbentherapie präsentierte Wolfgang Feldl, Reha-Zentrum Passauer Wolf. Narbenmassage sei das Aufdehnen der Narben durch Quer- und Tiefenfriktionen, stehendem Kreisen und Verschieben der Narben, teilweise in vorgedehnter Haltung, in lymphatischer Abflussrichtung, bis zur Toleranzgrenze des Patienten. Additiv sei auch die Anwendung unterstützender Hilfsmittel, wie z.B. Silikon Cups oder Pneumatischer Pulsationsmassage möglich.

Im Rahmen des Symposiums wurde auch in diesem Jahr ein Spendenscheck in Höhe von 5.000 EUR an Herrn Dr. Bernd Hartmann überreicht. Den Betrag spendete Juzo zu Gunsten der INTERPLAST Germany e.V. Diese Organisation führt unentgeltlich plastisch-chirurgische Operationen in Entwicklungsländern durch.

Die Resonanz der Teilnehmer und Referenten war äußerst positiv. Deshalb wird es am 19. Oktober 2019 in Bochum das 6. Narbensymposium geben.

Referenten

Prof. Dr. med. C. Can Cedidi

Klinikdirektor, Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie, Klinikum Bremen-Mitte gGmbH

Dr. med. Claudia Choi-Jacobshagen

Klinikdirektorin, Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie, Evangelisches Krankenhaus, Göttingen

Univ.-Prof. Dr. med. habil. Adrian Dragu, MHBA

Leiter der Abteilung für Plastische und Handchirurgie, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, Dresden

Wolfang Feldl

Leitung Physikalische Therapie, Passauer Wolf, Reha-Zentrum, Bad Griesbach

Dr. med. Christine Gärtner

Leitende Oberärztin, Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie, Klinikum Bremen-Mitte gGmbH

Dr. med. Bernd Hartmann

Chefarzt, Zentrum für Schwerbrandverletzte mit Plastischer Chirurgie, Unfallkrankenhaus Berlin

Prof. Dr. med. David Benjamin Lumenta

Assoz. Professor / Oberarzt, Klinische Abteilung für Plastische, Ästhetische u. Rekonstruktive Chirurgie,
Universitätsklinik für Chirurgie, Graz / Österreich

Prof. Dr. med. Peter Mailänder

Direktor der Klinik, Klinik für Plastische Chirurgie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Lübeck

Prof. Dr. Steven F. Morris

Professor of Surgery, Division of Plastic Surgery, Dalhousie University, Faculty of Medicine, Halifax / Canada

Dr. José Alfredo Neira Garza

Hand Surgery and Reconstructive Microsurgery, Plastic surgery, Hospital San José, Monterrey Nuevo León, México

Dr. med. Matthias Rapp

Oberarzt und Leiter des Schwerbrandverletztenzentrums, Klinik für Orthopädie, Unfall- und Wiederherstellungschirurgie, Marienhospital, Stuttgart

Prof. Dr. med. habil. Frank Siemers

Chefarzt, Klinik für Plastische Chirurgie - Handchirurgie und Brandverletztenzentrum, BG Klinik Bergmannstrost, Halle

Stefan Wollborn

Geschäftsführer, Narben- und Kompressionstherapie, Wollborn GmbH, Weyhe

Rückblick 2018 – 5. Narbensymposium in Bremen

In unseren Impressionen haben wir eine Auswahl an Bildern der Veranstaltung für Sie bereitgestellt. Weitere Bilder des 5. Narbensymposiums finden Sie in unserer Bildergalerie online unter www.galerie.juzo.com. Das Passwort erhalten Sie von unserer Symposium-Ansprechpartnerin Dace Zanker