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Frau mit Farbe im Gesicht

4. Narbensymposium

Innovative Narbentherapie im interdisziplinären und interprofessionellen Kontext

21.10.2017 - Halle (Saale)

Die moderne medizinische Entwicklung ermöglicht es Patienten,  schwerere Verletzungen der Körperoberfläche zu überleben. Hierzu zählen Verbrennungen, Polytraumata sowie große Haut-/Weichteildefekte. Auch werden zunehmend operative Eingriffe von der Ästhetischen Chirurgie bis zum orthopädischen Gelenkersatz von den Patienten benötigt und abgefragt.

Narbenbildung sei die natürliche physiologische Reaktion des menschlichen Körpers auf solche Verletzungen bzw. die dadurch notwendigen chirurgischen Läsionen.

Die posttraumatische Heilung und Rehabilitation seien von der adäquaten Behandlung der Narbe daher nicht zu trennen. Die Narbentherapie sei vielmehr ein unverzichtbarer Behandlungsteil, der in interdisziplinärem und interprofessionellem Kontext zu sehen ist.

So der wissenschaftliche Leiter Dr. med. Bernd Hartmann, Chefarzt am Zentrum für Schwerbrandverletzte mit Plastischer Chirurgie am Unfallkrankenhaus Berlin, in seiner Begrüßungsrede zum 4. Juzo Narbensymposium, das dieses Jahr im BG Klinikum Bergmannstrost in Halle/Saale stattfand. Gemeinsam mit Gastgeber Prof. Dr. med. Frank Siemers, Chefarzt der Klinik für Plastische Chirurgie – Handchirurgie und Brandverletztenzentrum BG Klinik Halle, führte er durch die mit mehr als 120 Gästen aus Fachhandel, Ärzteschaft und Therapie gut besuchte Veranstaltung.

Inhaltlich orientierten sich die Vortragsthemen an den 4 Säulen der Plastischen Chirurgie: Rekonstruktive Chirurgie, Handchirurgie, Verbrennungschirurgie und Ästhetische Chirurgie. Weitere Themen aus dem Gebiet der Narbentherapie rundeten das Programm ab.

Rekonstruktive Chirurgie

Die Vortragsreihe eröffnete Prof. Dr. med. Marcus Lehnhardt, Direktor der Universitätsklinik für Plastische Chirurgie und Schwerbrandverletzte am Handchirurgiezentrum BG Universitätsklinikum Bergmannsheil Bochum mit dem Thema „Rekonstruktive Chirurgie nach Tumor“. Sein Hauptfokus bei der Tumorentfernung sei es, trotz höchstmöglicher onkologischer Radikalität unverzichtbare Strukturen wie Gefäße und Nerven zu erhalten. So könnten unnötige Amputationen vermieden und ein schnellerer Wundverschluss ermöglicht werden,was den Patienten viel Lebensqualität erhält. Ein unverzüglicher Wundschluss sei vor allem bei nachfolgender Bestrahlung sehr wichtig. Aufgabe der Rekonstruktion sei nicht nur der Ersatz fehlenden Gewebes, sondern auch die Wiederherstellung von Körperfunktionen. Anhand von verschiedenen Fallbeispielen wurden unterschiedliche Operationsmethoden und Lappenplastiken demonstriert.

Prof. Dr. med. C. Can Cedidi, Klinikdirektor an der Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie, Klinikum Bremen-Mitte gGmbH, präsentierte anhand anschaulicher Praxisbilder die Behandlungserfolge der Rekonstruktiven Chirurgie im Gesichtsbereich, aber auch im Bereich Thorax und der oberen und unteren Extremitäten. Er plädierte dafür, möglichst die Narbe nur mit einer Rekonstruktionsmethode zu ersetzen und Patchwork zu vermeiden. Besonders wichtig sei die Aufklärung des Patienten über die modernen Behandlungsmethoden – häufig sei die einfache Rekonstruktion nicht die beste Lösung, durch aufwendigere Rekonstruktionen könnten oftmals außergewöhnliche Ergebnisse erzielt und zusätzlich Lebensqualität zurückgegeben werden.

Handchirurgie 

Die Vielfalt der anatomischen Strukturen machen die Handchirurgie komplex und kompliziert , erläuterte Univ.-Prof. Dr. med.habil. Adrian Dragu, MHBA, Leiter der Abteilung für Plastische und Handchirurgie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, Dresden, in seinem Vortrag „Die traumatisierte Hand“. Nach einem Einblick in die Anatomie und Biomechanik der Hand thematisierte er die Qualitätskriterien des Röntgens als Grundlage einer qualifizierten Diagnose. Entlang der „Rekonstruktiven Leiter der Handverletzungen“ stellte er die verschiedenen Behandlungsformen vom Primärverschluss bis zum freien Lappen vor. Vor jedem schweren Eingriff müsse abgewogen werden zwischen den technischen Möglichkeiten, Auswirkung auf die Funktionalität, evtl. dauerhaften Schmerzen des Patienten und alternativer Prothetik.

"Die Infektionen der Hand“ waren Thema von Prof. Dr. med. Peter Mailänder, Leiter der Klinik für Plastische Chirurgie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Lübeck. Er stellte Ursachen und Ausbreitungswege der Infektionen dar und zeigte die Möglichkeiten der Behandlung bzw. Nachbehandlung auf. Besondere Rolle käme dabei der Chirurgie zu, einem frühzeitigen radikalen Debridement und einem schnellen und unkomplizierten Wundverschluss.

Die Entwicklung der Handverletzungen in den letzten Jahren sowie einen Überblick über die vielfältigen aktuellen Therapiemöglichkeiten aus Ergotherapie, Physikalische Therapie, Physiotherapie und Entspannungstherapie präsentierte Frau Dr. med. Natalie Pirkham, Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie, Handchirurgie am Unfallkrankenhaus Berlin in ihrem Vortrag „Die Rehabilitation der Hand“. Mit zahlreichen Patientenfällen dokumentierte sie die Behandlungsverläufe bei schwersten Handverletzungen.

Verbrennungschirurgie

Den Bereich Verbrennungschirurgie, in dem die Tiefe der Verbrennung aber auch die betroffene Körperoberfläche von größter Bedeutung sind, beleuchteten die Experten Prof. Dr. Siemers und Dr. Hartmann.

Besonders wichtig in der Erstversorgung seien laut Prof. Dr. med. Frank Siemers vorsichtige Kühlung und Infusionstherapie. Er stellte Modelle zur Berechnung der Verbrennungsfläche und des Flüssigkeitsbedarfs vor, sowie die Kriterien zur Einweisung in ein Verbrennungszentrum.

Die Therapie von Brandwunden differiere in Abhängigkeit von deren Tiefe. In seinem Vortrag „Modernes Debridement“ betont Dr. med. Bernd Hartmann die Notwendigkeit einer exakten Tiefenbestimmung zur Therapieplanung. Er stellte unterschiedliche Arten des Debridements (enzymatisches versus chirugisches) gegenüber und präsentierte verschiedene Methoden und Produkte zum epithelialen Wundverschluss wie Sprühtransplantation, autologe Spalthaut, Kulturhaut und dermalen Ersatz.

Ästhetische Chirurgie

Als letzte der vier Säulen der Plastischen Chirurgie wurde die Ästhetische Chirurgie vorgestellt. Die Vielfalt von Brustimplantaten nach Form, Größe und Füllung zeigte Prof. Dr. med. Henrik Menke,  Chefarzt der  Chirurgischen Klinik III, Sana Klinikum Offenbach in seinem Vortrag  „Die Brustchirurgie“ auf. Zum Wohle der Patientin müsse die Maxime dabei immer sein: Form folgt der Anatomie. Neben den verschiedenen Operationsmethoden wurden auch die Komplikationen nach Brustoperationen (wie z.B. Kapselfibrosen) bis hin zu Reoperationen angesprochen.

Die Möglichkeiten der Dermolipektomie bei lokalisierter Adipositas wie z.B. Debulking oder Bodylift beleuchtete Prof. Dr. med. Christoph Hirche, Oberarzt der Klinik für Hand-, Plastische und Rekonstruktive Chirurgie am Schwerbrandverletztenzentrum BG Unfallklinik Ludwigshafen in seinem Vortrag „Lipodystrophie und Lipödem“. Im Anschluss ging er auf die Charakteristik, Symptome, Diagnostik des Lipödems und die Möglichkeiten der Liposuktion ein.

Unter dem Titel „Minimalinvasive Techniken: Botox, Filler und Co“ gab Dr. med. Niklas Noack, Leitender Oberarzt, Plastische, Ästhetische und Handchirurgie, Schlosspark-Klinik, Berlin einen Überblick über nichtchirurgische (wie Botulinumtoxin oder dermale Filler) und minimalinvasive (z.B. Chemical Peels) Verfahren. Es sei teilweise sehr schwierig, die verschiedenen am Markt befindlichen Produkte zu vergleichen, da viele Hersteller unterschiedlichste Materialien mit extremen Qualitätsunterschieden verwenden würden.

Last but not least verschiedene Themen in Sachen Narbentherapie und Nachsorge

Plastische Chirurgie im Auslandseinsatz – Frau Dr. med. Katharina Schriek von der Kinderchirurgie im Kinder- und Jugendkrankenhaus AUF DER BULT, Hannover schilderte ihre Erfahrungen während eines zweiwöchigen ehrenamtlichen INTERPLAST-Einsatzes in Kirgisien. Sie präsentierte verschiedene Operations-Techniken, die unter den dortigen Rahmenbedingungen, die durch staatliche / politische Strukturen, Korruption und Armut aber auch durch Tradition vorgegeben sind, durchgeführt werden könnten. Komplettlösungen wären in dieser kurzen Zeit nicht zu realisieren. Vielmehr sei es wichtig, vor Ort beim lokalen medizinischen Personal eine postoperative Versorgungsstruktur und grundlegende Verbands-techniken zu etablieren.

Die Narbentherapie in Verbindung mit der positiven Auswirkung eines Netzwerkes beleuchteten Guido Sinram, Orthopädiemechanikermeister Narbentherapie vom Gesundheitshaus Fuchs + Möller, Mannheim und Stefan Wollborn, Geschäftsführer Narben- und Kompressionstherapie Wollborn GmbH, Weyhe. Sie betonten die Wichtigkeit der Zusammenarbeit zwischen Fachpersonal, Ärzten und Herstellern. Ein Netzwerk fördere den Wissenstransfer und sorge für mehr Erfahrung aller Beteiligten.  Besonders in den  letzten Jahren habe sich die Zusammenarbeit intensiviert. Fachversorger erhielten mehr Gelegenheit zur Einflussnahme auf Produkte. Das Angebot an hochwertigen praxisrelevanten Seminaren seitens der Hersteller steige und auch die Möglichkeiten von Fachpersonal und Ärzten zum interdisziplinären Informationsaustausch wachse ständig. Dies alles wirke sich äußerst positiv auf die Versorgungsqualität der Patienten aus.

Mit der Pigmentation präsentierte Lydia Dwornicki eine alternative bzw. unterstützende Technik zur chirurgischen Narbenkorrektur. Das Ziel der Medizinischen Fachkosmetikerin und Visagistin aus Berlin ist es, bei Narben das ursprüngliche Erscheinungsbild mit dauerhafter Pigmentierung möglichst naturgetreu wiederherzustellen. Indikationen seien Narben nach Unfall oder Operation, Verlust der Brustwarze (Mastektomie), aber auch Vitilgo oder Mund-Kiefer-Gaumen-Spalte. Vorteile des Verfahrens seien die präzise Form- und Farbgestaltung – auch plastische Darstellung sei möglich -, die ideale Angleichung an den natürlichen Hautton sowie die sehr geringe Komplikationsrate. Zudem bleibe dem Patienten eine weitere Vollnarkose erspart.

In seinem Vortrag zur „Rehabilitation von Brandverletzten“ schilderte Dr. med. Hubert Neubauer, Oberarzt Hand- und Plastische-Rehabilitation und Verbrennungs-Rehabilitation seine Erfahrungen an der BG Unfallklinik Ludwigshafen. Hier sei es gelungen, durch die Schaffung patientenorientierter Strukturen und den zielgerichteten Einsatz der spezifischen Elemente der Rehabilitation (wie z.B. rehabilitative Krankenpflege, Haut und Wundpflege, Physio-, Ergo- und Sporttherapie oder psychosoziale Betreuung)  ein verbrennungsspezifisches Rehabilitations-Konzept nach ICF-Leitlinien zu implimentieren. Erste Auswertungen zeigten hohe Patientenzufriedenheit und Therapieerfolge.

Sein Fazit: Akutversorgung und Rehabilitation unter einem Dach gewährleisten hohe Struktur- und Therapiequalität durch Nutzung der hohen fachlichen Kompetenz aller beteiligten Berufsgruppen

Abschließend resümierte Dr. Hartmann, dass schwere Verletzungen und die dadurch notwendigen medizinischen Eingriffe zumeist die Bildung von Narben zur Folge hätten. Jedoch seien mittlerweile die Möglichkeiten der invasiven und nichtinvasiven Narbentherapie so weit fortgeschritten, dass sehr gute Ergebnisse bzgl. Funktionalität und Ästhetik erzielt werden können und den Patienten damit Lebensqualität zurückgegeben werden kann.

Im Rahmen des Symposiums wurde auch in diesem Jahr ein Spendenscheck in Höhe von 5.000 EUR an Herrn Dr. Bernd Hartmann überreicht. Den Betrag spendete Juzo zu Gunsten der INTERPLAST Germany e.V. Diese Organisation führt unentgeltlich plastisch-chirurgische Operationen in Entwicklungsländern durch.

Die Resonanz der Teilnehmer und Referenten war sehr positiv. Deshalb wird es auch 2018 ein Narbensymposium geben. Die ersten Vorbereitungen zur Veranstaltung laufen bereits jetzt.

Referenten

Prof. Dr. med. C. Can Cedidi

Klinikdirektor, Klinik für Plastische, Rekonstruktive und
Ästhetische Chirurgie, Klinikum Bremen-Mitte gGmbH

Univ.-Prof. Dr. med. habil. Adrian Dragu, MHBA

Leiter der Abteilung für Plastische und Handchirurgie
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, Dresden

Lydia Dwornicki

Medizinische Fachkosmetikerin und Visagistin
MedizinKosmetik, Berlin

Dr. med. Bernd Hartmann

Chefarzt, Zentrum für Schwerbrandverletzte mit
Plastischer Chirurgie, Unfallkrankenhaus Berlin

Prof. Dr. med. Christoph Hirche

Oberarzt, Klinik für Hand-, Plastische und Rekonstruktive
Chirurgie - Schwerbrandverletztenzentrum
BG Unfallklinik Ludwigshafen

Dr. med. Simon Kuepper

Oberarzt, Zentrum für Schwerbrandverletzte mit
Plastischer Chirurgie, Unfallkrankenhaus Berlin

Prof. Dr. med. Marcus Lehnhardt, Bochum

Direktor, Universitätsklinik für Plastische Chirurgie und
Schwerbrandverletzte, Handchirurgiezentrum BG Universitätsklinikum Bergmannsheil

Prof. Dr. med. Peter Mailänder

Leiter der Klinik für Plastische Chirurgie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Lübeck

Prof. Dr. med. Henrik Menke

Chefarzt, Chirurgische Klinik III
Sana Klinikum, Offenbach

Dr. med. Hubert Neubauer

Oberarzt, Hand- und Plastische - Rehabilitation und Verbrennungs-Rehabilitation, BG Unfallklinik Ludwigshafen

Dr. med. Niklas Noack

Leitender Oberarzt, Plastische, Ästhetische und Handchirurgie, Schlosspark-Klinik, Berlin

Dr. med. Natalie Pirkham

Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie, Handchirurgie, Unfallkrankenhaus Berlin

Prof. Dr. med. habil. Michael Sauerbier

Chefarzt, Plastische, Hand- und Rekonstruktive Chirurgie
BG Unfallklinik gGmbH, Frankfurt am Main

Prof. Dr. med. Frank Siemers

Chefarzt, Klinik für Plastische Chirurgie - Handchirurgie
und Brandverletztenzentrum
BG Klinik Bergmannstrost, Halle

Dr. med. Mechthild Sinnig

Oberärztin Kinderchirurgie,
AUF DER BULT Kinder- und Jugendkrankenhaus, Hannover

Guido Sinram

Orthopädiemechaniker Meister / Narbentherapie
Das Gesundheitshaus
Fuchs + Möller, Mannheim

Stefan Wollborn

Geschäftsführer, Narben- und Kompressionstherapie
Wollborn GmbH, Weyhe

Rückblick 2017 – 4. Narbensymposium in Halle

Das Narbensymposium 2017 fand dieses Mal im BG Klinik Bergmannstrost Halle statt. Über 120 Teilnehmer aus den Fachrichtungen Arzt, Therapeut sowie Mitarbeiter im medizinischen Fachhandel diskutierten mit den Referenten zu deren Vorträgen. Inhaltlich orientierten sich die Vortragsthemen an den 4 Säulen der Plastischen Chirurgie: Rekonstruktive Chirurgie, Handchirurgie, Verbrennungsbehandlung und Ästhetische Chirurgie. Zusätzliche Themen um die Narbentherapie rundeten das Programm ab.

Weitere Bilder des 4. Narbensymposiums finden Sie in unserer Bildergalerie online unter www.galerie.juzo.com. Das Passwort erhalten Sie von unserer Symposium-Ansprechpartnerin Dace Zanker